Johannes 20, 11-18 Eine Trauernde wird zur Predigerin (Ostern)

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Pastor Norbert Giebel (Ostern) 01.04.2018

Johannes 20, 11-18    „Eine Trauernde wird zur Predigerin“

„Der Herr ist auferstanden!“ „Er ist wirklich auferstanden!“ So haben sich die ersten Christen gegrüßt, denen der Auferstandene begegnet ist, die ihn gesehen haben. „Der Herr ist auferstanden!“ „Er ist wirklich auferstanden!“ Mit diesen Worten haben sie sich bestätigt, sich gefreut. Ostern ist ein Fest der Freude, das Fest des Lebens. Angefangen aber hat Ostern gar nicht fröhlich!

Maria aus Magdala war sehr früh zum Grab gegangen. Sie wollte den Leichnam Jesu salben. Sie wollte ihm die letzte Ehre geben, seinem Körper noch einmal Gutes tun, trauern sich erinnern, ihm noch einmal nahe sein. Lukas schreibt, dass noch zwei weitere Frauen bei ihr waren: Eine Salome und eine weitere Maria. Johannes legt den Focus ganz auf Maria aus Magdala, eine Frau, die Jesus geheilt hat, die er befreit hat, von der er sieben Geister ausgetrieben hat. Eine Frau, die durch Jesus ein ganz neues Leben bekommen hatte.

Als Maria sich der Grabhöhle nähert, sieht sie, dass der Stein vor dem Grab weggerollt ist. Sie erschrickt fürchterlich. Sie läuft zu den Jüngern. Petrus und Johannes können es nicht fassen. Sie rennen zum Grab. Johannes ist der Schnellere in diesem Wettlauf, bleibt aber vor dem Grab stehen. Petrus geht hinein: Der Leichnam ist weg! Keine Frage. Sie haben den Leichnam gestohlen!

Petrus, Johannes, die Frauen, keiner sagt etwas. Der Schock lähmt sie. Die Verhaftung, die Folter, der grausame Tod ihres Herrn liegt gerade drei Tage zurück. Und jetzt das noch! Kreuzigungen gab es viele damals. Es war eine Hinrichtungsart der Römer. Aber eine Grabschändung? Für Juden ein totales No-Go. Haben die Römer den Leichnam gestohlen? Warum tun sie so etwas? Ostern beginnt mit einem Schock. Das leere Grab hatte den Jüngern nichts Gutes zu sagen. Niemand, der vor einem leeren Grab steht, denkt, dass der Tote auferstanden ist. Das leere Grab war ein großer Schrecken mehr in diesen schweren Tagen.

Das leere Grab ist ein Fakt, ganz klar, auch später unbestritten. Als die Jünger beginnen zu predigen, dass Jesus auferstanden sei, hätten die Juden und die Römer nur zu gerne den Leichnam Jesu aus dem Grab geholt um sie zu widerlegen. Aber er war weg. Das Grab war leer. Niemand konnte das bestreiten.

Zuerst war der Ostermorgen ein Alptraum. Geradezu traumatisch. Jesus war ja nicht nur ihr Lehrer, ein Freund; die Jünger haben ihr Leben für ihn gegeben. Alles aufgegeben. Alle Hoffnung auf ihn gesetzt. Mit ihm ist ihre Zukunft gestorben. Mit ihm ist auch ihr Leben gestorben. Alle sind weg. Maria aus Magdala aber kommt noch einmal ans Grab zurück und sie weint. Ich lese Johannes 20, 11-18

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. 13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. 16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! 17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Maria geht noch einmal zum Grab und sie weint. Es wäre ihr so wichtig, zu wissen, wo er liegt. Einen Ort für ihre Trauer zu haben. Irgendeinen Platz zu haben, wo sie ihm nahe sein kann. Maria sucht den Leichnam. Alle Sinne, alles was sie denkt und fühlt, ist darauf ausgerichtet.

Ich möchte an der Stelle einmal anhalten. Ich erzähle gleich weiter, was passiert ist. Aber was können wir tun, dass wir Teil der Geschichte werden, dass wir „unser Ostern“ erleben? Wir sind doch auch nicht nur fröhlich, auch wenn heute Ostern ist. Das geht doch bei uns auch nicht automatisch, dass plötzlich alle Trauer, alle Sorge, Ängste, Verletzungen, offenen Fragen an unser Leben, weg sind, nur weil heute Ostern ist. Was sind unsere Gräber, an denen wir stehen? An welchen Punkten unseres Lebens haben wir keine Hoffnung mehr? Wo sind wir gestorben? Wo weinen wir? Wo hat der Tod bei uns gesiegt oder uns zumindest mit einem leeren Grab zurückgelassen?

Bevor wir weiterlesen, möchte ich uns ermutigen, auch unsere Trauer mit ans Grab zu bringen. Vielleicht können wir auch mit Maria weinen und mit Maria Jesus suchen. Dann würden wir eine eigene Begegnung mit dem Auferstandenen erleben! Heute! Da, wo uns das Leben wehtut. Was ist dein Grab, an das du heute gehst, und in dem du Jesus suchen und finden möchtest? Das möchte ich dich fragen. Ich möchte Mut machen, alle Zweifel, jeden Schrecken und alle eigene Trauer mitzubringen. Bringe dich selber ganz mit, damit du dein Ostern erleben kannst!

Maria sucht den Leichnam. Zu wissen, wo er liegt, das würde ihr helfen, zu trauern. Und jetzt beugt auch sie sich ins Grab hinein. Zu groß ist die Ehrfurcht, ein Grab einfach zu betreten. Und da sieht sie zwei Gestalten in hellen Gewändern, zwei Engel. Sie sitzen im Grab. Der eine wo die Füße Jesu lagen, der andere, wo sein Kopf gelegen hat.

Engel, könnte man nun denken, Engel sind doch ein klarer Hinweise, dass Gott hier am Werk ist. Engel sind Boten aus Gottes Welt. „Frau, was weinst du?“ fragen sie Maria. Maria aber ist ganz in ihrer Trauer gefangen. Sie sieht nicht das Göttliche, Gottes Zeichen und Boten im Grab, sie sieht nur die Lücke zwischen den beiden Engeln. Maria sieht nur, was ihr fehlt, nur, was ihr weh tut, wonach sie sich sehnt: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!“ sagt sie. Das ist ihre Frage. Immer wieder wiederholt sie diesen Satz innerlich. „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!“

Die Engel schweigen. Maria dreht sich um. Wenn die Engel darauf keine Antwort haben, ist alles andere auch egal. Das ist die entscheidende Frage: Wo ist der Leichnam? Wenn sie ihr das nicht sagen können, will sie von den Engeln nichts wissen. Maria dreht sich um. Eine kleine Bekehrung mitten in ihrer Trauer könnte man sagen. Und da steht Jesus vor ihr. Der Auferstandene. Maria aber erkennt ihn nicht!

Wieder möchte ich kurz anhalten: Wo kann uns das passieren, dass wir nur die Lücke sehen, dass wir uns die ganze Zeit nur darum drehen, was uns fehlt, wonach wir uns sehnen, dass wir aber nicht sehen, dass Gott seine Boten schon in unser Grab geschickt hat, dass Gott schon am Werk ist, dass wir nicht ohne ihn und nicht ohne seine Hilfe sind, da, wo uns das Leben so weh tut? Vielleicht sind Gottes Engel schon da und wir sehen nur die Lücke. Vielleicht stehen wir schon vor Jesus, weil er zu uns gekommen ist, und wir erkennen ich nicht, weil wir noch ganz in uns selber feststecken. Unsere Gefühle, unsere Fragen, was wir erlebt haben oder noch erleben, das ist so wichtig, das steht so groß vor uns, dass wir „Jesus für den Gärtner halten“, sozusagen.

Bei Maria aus Magdala war es so. Jesus steht vor ihr und sie hält ihn für den Gärtner. Auf einem Friedhof naheliegend! Sie hat geweint. Ihre Augen sind nicht klar. Sie ist verzweifelt. Da ist kein Platz für eine neue Hoffnung. Und dass Jesus vor ihr stehen könnte war absolut ausgeschlossen! Sie hatte zu den Wenigen gehört, die es bis zu seinem Tod am Kreuz ausgehalten haben. Sie ist nicht weggelaufen. Sie hat mit gelitten. Sie hat gesehen, wie einer der Henker ihm noch mit einer Lanze in die Seite gestochen hat, um sicher zu sein, dass er tot war.

Maria ist nicht dumm. Sie denkt und fühlt absolut folgerichtig. Und wenn der Gärtner schon so früh hier ist, dann wird er wissen, was passiert ist, oder selbst den Leichnam herausgeholt haben. Jesus hat auch etwas zu dieser Verwechslung beigetragen. „Frau, was weinst du?“ hat er sie gefragt. Er hat sie nicht gleich mit Namen angesprochen. Er wollte gar nicht gleich erkannt werden. Er wollte, dass sie erzählen kann, dass sie sich klar wird und aussprechen kann, wen oder was sie sucht, was ihr Schmerz oder auch was ihre Hoffnung ist.

Am gleichen Tag noch wird Jesus zwei Jüngern begegnen, die auf dem Weg nach Emmaus sind. Beide sind in Trauer wie Maria. Beide reden über das Grauen, das passiert ist. Beide reden über Jesus, was sie mit ihm erlebt haben. Am gleichen Tag noch tritt der Auferstandene neben sie, geht ihren Weg neben ihnen, und fragt sie: „Worüber redet ihr? Was seid ihr so aufgeregt? Was ist passiert?“ Obwohl er es doch weiß! Und dann erzählen sie Jesus ausführlich, wer Jesus war, was er ihnen bedeutet hat, was mit ihm geschehen ist. Und erst als sie in einem Haus der beiden angekommen sind, gibt Jesus sich ihnen zu erkennen. (Lukas 24) Vielleicht wollte Jesus auch, dass Maria am Grab sich selbst erst einmal bewusst wird. „Frau, was weinst du?“

Ich will noch einmal anhalten. „Frau, was weinst du?“ Das ist eine sehr merkwürdige Frage auf einem Friedhof. Man geht doch nicht auf einem Friedhof zu einer Frau hin und fragt sie „Warum weinst du?“ Das ist doch klar. Hier trauert jemand um einen Toten! Aber vielleicht fragt Jesus das nicht nur Maria. Vielleicht fragt er es alle Menschen, die mit ihm leben, die ihm nachfolgen. Vielleicht fragt er es auch uns heute auf den „Friedhöfen“ unseres Lebens: „Warum weinst du?“ „Wen suchst du?“ „Was ist deine Sehnsucht?“ Suchst du den toten oder den auferstandenen Christus?“

Wir weinen doch auch an unseren Gräbern. „Warum weinst du?“ Das ist keine billige Frage. Dahinter steht kein billiger Trost. Jesus trägt die Male seiner Folter noch an sich, als er Maria fragt. Er hat schrecklich gelitten. Er hat geschrien. Er hat Gott nicht mehr verstanden. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ hat er laut gerufen. Aber gerade deshalb, darf Jesus diese Frage stellen: „Warum weinst du? Ich bin da. Ich habe den Tod überwunden. Ich bin an deiner Seite! Ich lebe. Du sollst auch leben!“ Warum kannst du nicht vertrauen?

„Wen suchst du?“ fragt Jesus. Das ist die entscheidende Osterfrage: „Wen suchst du?“ Das ist die entscheidende Frage, wenn wir Ostern in einen Gottesdienst gehen, wenn wir Ostern an unsere Trauer gehen und unseren Schmerz zulassen. „Wen suchst du?“ Jesus sagt Maria nicht „Hör auf zu weinen!“ Das Weinen ist gut. Der Schmerz kommt hoch. Man versteckt nichts. Man verstellt sich nicht mehr, wenn man weint! Aber im Weinen soll sie sich diese Frage stellen: „Wen suchst du? Was willst du? Wer soll deine Trauer berühren? Von wem erwartest du dein Leben?“ Bist du bereit, umzudrehen und Jesus zu sehen? Wenn wir unsere Trauer nicht mitbringen und wenn wir auf die Frage keine Antwort haben, „Wen suchst du?“, dann erleben wir Ostern nur als eine Gedächtnisfeier. Das ist da heute nicht mehr als Geschichtsunterricht.

Marias Antwort bleibt mit ihrer Reaktion noch ganz in ihrer Welt. „Hast du ihn weggetragen? Wo liegt er, damit ich ihn finden kann. Ich werde ihn mit meinen eigenen Händen herausziehen!“ Maria kann sich Jesus nur noch tot vorstellen. Sie sucht immer noch den toten Jesus, den Jesus aus der Vergangenheit. Sie sieht nicht, dass er da ist, genau vor ihr. „Maria!“ sagt Jesus. Er ruft sie bei ihrem Namen. Das verändert alles. „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ (Jesaja 43,1) Alle Theorie, all unser Suchen hat ein Ende, wenn er uns mit Namen anspricht. Da werden mir die Augen geöffnet. Hat er dich auch schon angesprochen? Hast du auch deinen Namen gehört? Der Name steht für uns selbst. Wer wir sind, was uns ausmacht. Wenn ich ihn höre, wie er sagt „Norbert“, dann ist es egal, wie viele Norberts noch im Raum sind. Dann weiß ich, dass er mich meint. Er hat mich angesprochen.

„Rabbuni!“ antwortet Maria. Das ist eine sehr vertraute Anrede. „Mein Lehrer!“ „Mein Meister!“ Sofort will sie ihn umarmen, vielleicht vor ihm niederfallen und seine Füße berühren, vielleicht will sie ihm die Hand geben, ihn küssen. Sie hat doch ihren Herrn zurück! Jetzt kann es doch weitergehen. Alles wie vorher. Sie haben sich nicht geirrt. Er hat sie nicht belogen. Jesus aber wehrt ihr: „Berühre mich nicht!   Ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren. Ich bin nicht mehr der Alte. Ich werde nicht mehr mit euch durch Galiläa reisen. Ich habe einen neuen Leib. Ich werde euch anders begleiten als leiblich. Rühre mich nicht an.“

Und dann macht Jesus Maria aus Magdala zur allerersten Predigerin im neuen Bund. Sie wird die allererste Verkündigerin des Auferstandenen. „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Der Kirchenmann Hippolyt aus Rom, im Jahre 235 auf Sardinien verstorben, Hippolyt nennt Maria aus Magdala die Apostelin der Apostel; lateinisch: apostola apostolum.

In allen Evangelien sind es Frauen, die zuerst am Grab waren und als Erste den Auferstandenen verkündigt haben. Paulus zählt in seinem Brief an die Korinther ganz viele Männer auf, die den Auferstanden gesehen haben (1. Kor 15). Aber er nennt keine einzige Frau. Frauen und Kinder zählten damals nicht als Zeugen. Ihr Wort galt nichts. Dennoch sucht der Auferstandene sich Frauen als erste Verkündigerinnen aus.

Auch die Jünger glauben Maria zunächst nicht. Sie hielten es für Geschwätz (Lukas 24,11). Gott beauftragt Frauen und die frommen Männer sagen „Frauen haben hier nichts zu sagen. Frauen reden viel! Das muss sie sich eingebildet haben!“ Auch die Jünger waren noch ganz in ihrer Verzweiflung gefangen. Auch bei ihnen gab es noch keinen Platz für neue Hoffnung. Und auch ihnen musste Jesus erst persönlich begegnen, damit sie glauben konnte.

„Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Jesus nennt seine Jünger seine Brüder! Seine Nachfolgerinnen nennt er seine Schwestern! Sein himmlischer Vater ist jetzt auch ihr himmlischer Vater! Sein Gott ist ihr Gott! Und Jesus geht voran. Er ist der Erste in einem großen Protestmarsch gegen den Tod. Sie werden ihm folgen. Er geht voraus und bereitet ihre Wohnungen im Hause des Vaters.

Mit Maria fängt alles an. Maria ist die erste. Sie hat geweint und hat den toten Jesus gesucht. Als sie ihn ihren Namen sagen hört, gehen ihre Augen auf. Und dann geht sie los. Lächelnd, fröhlich, fest, als Frau, um zu tun, was er ihr gesagt hat: Sie sagt es weiter: Der Herr ist auferstanden! Er ist wirklich auferstanden!

Amen.

 
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