1. Mose 12, 1-4 Abraham als Vorbild des Glaubens. (Gottes Berufung für das letzte Lebensdrittel)

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg 15.4.2018,
Pastor Norbert Giebel

Genesis 12, 1-7        Abraham als Prototyp des Glaubens

                                      (Gottes Berufung für das letzte Lebensdrittel)

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

  1. 1.Abraham als Prototyp des Glaubens

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

Vater des Glaubens wird Abraham genannt. Was Glaube ist, kann man an ihm erkennen. Unseren Glauben sollen wir an dem ausrichten, was wir an Abraham an Glauben sehen. Wenn das so ist, dann kann man sehen, ob jemand glaubt. Denn wer glaubt, bricht auf, geht los. Wer glaubt, lässt sich rufen. Wer glaubt, ist unterwegs. Wer glaubt, lebt mit einer Verheißung, der lebt mit einer Hoffnung, und richtet sein ganzes Leben nach dieser Hoffnung aus. Er geht los auf das Ziel hin und er bleibt unterwegs. Wer stehen bleibt, der glaubt nicht mehr. Wer seine eigenen Ziele, seine Sicherheit in Leben, an die erste Stelle stellt, der ist nicht mir im Glauben. Der hat sich in dieser Welt – in seiner eigenen Welt – eingerichtet.

Abraham lässt sich rufen. 75 Jahre alt. Er wird am Ende 120 Jahre alt werden. Die damaligen 75 Jahre entsprechen vielleicht einem Alter heute von 60 Jahren oder etwas jünger. Jedenfalls hat Abraham noch ein gutes Drittel seiner Lebenszeit vor sich. Und Gott legt ihm eine Berufung in sein letztes Lebensdrittel. Weder er noch seine Frau Sarah hatten geplant, ihre Koffer zu packen. Es ging ihnen gut. Abraham hat es zu einem ansehnlichen Wohlstand gebracht. Sie hatten alles, was sie brauchten, in Haran.

Menschen ohne Glauben hätten den Kopf geschüttelt. Das ist unvernünftig. Sie setzen alles aufs Spiel.  Sie könnten sich jetzt zur Ruhe setzen. Abraham hat so viele Knechte, er braucht doch gar nicht mehr selbst zu arbeiten. Er ist sozusagen Rentner, Frührentner vielleicht, mit bestem Auskommen. Trotzdem brechen sie auf, Abraham und Sarah. Von einem Tag auf den anderen. Die Entscheidung ist gefallen. Sara und er hatten keine Kinder. Damit hatten Sie auch keine Altersversorgung. Also: Gerade sie sollten bei ihrer Familie bleiben! Abraham war 75 Jahre alt, Sarah 10 Jahre jünger. „Einen alten Baum verpflanzt man nicht!“ sagt man doch. Junge Menschen, die brechen auf, sie fragen nach neuen Wegen, junge Menschen wollen sich weiter entwickeln, sie gehen Wagnisse ein. Aber alte Menschen, „57 plus sozusagen“, alte Menschen sollten bleiben wo und wie sie sind, oder?

„Werde ein Segen!“ sagt Gott. Das ist der Auftrag für Abraham, anderen ein Segen zu sein. „Du sollst ein Segen für viele Menschen sein!“ Vielleicht ist das ja sogar die Berufung, der Auftrag für alle Menschen im letzten Lebensdrittel, nicht nur für Abraham. „Sei ein Segen für andere Menschen!“ Wie würde man leben, wenn das der Auftrag für Menschen 60plus und 70 plus und 80 plus wäre?! Wie könnte jemand ein Segen für andere Menschen sein?

Abraham ist ein Vorbild im Glauben und im Gehorchen. Paulus hatte ihn „Vater aller Glaubenden“ genannt (Römer 4,11) „Durch den Glauben aber wurde Abraham gehorsam!“ lesen wir im Hebräerbrief (11,8) An ihm können wir unseren Glauben ausrichten. Was Abraham tut, ist das Normale im Glauben! Wir sollten uns nicht wundern über Menschen, die glauben und gehen! Wir sollten uns wundern über Menschen, die glauben und sitzen bleiben.

Der Theologe Claus Westermann hat zu Abrahams Aufbruch geschrieben: „Nur eine Welt, in der Gehorchen und Glauben das Besondere geworden ist, sieht hier zuerst Wagnis, Mut und Risiko. Dass Abraham geht, ist das Normale und Natürliche. Wagnis und Risiko wäre es gewesen, nicht zu gehen!“ Er hätte seinen lebendigen Glauben riskiert. Er hätte sich zur Ruhe setzen können, seinen wohlverdienten Lebensabend genießen, aber er hätte riskiert, nicht mehr mit Gott auf dem Weg zu sein. Wäre Abraham in Haran geblieben, wäre er der Vater aller Zögerlichen, der Vater aller Zweifelnden und aller Ungehorsamen geworden, die sich nicht rufen lassen und die bleiben wo sie sind.

In gewisser Weise gibt Abraham ein Vorbild für Jesus ab. Jesus, der aber den Glauben Abrahams noch weit überboten hat. Jesus hat auch sein Vaterland verlassen, alle Sicherheiten aufgegeben, Jesus hat sich verletzlich gemacht, weil er Gott vertraut und gehorcht hat. Jesus ist Mensch geworden, er hat sich mitten in diese Welt gestellt. Und Jesus sucht Nachfolger! Menschen, die Gott vertrauen, die er rufen und senden kann, so wie der Vater ihn in die Welt gesandt hat (Joh. 20,21). So hat er den Fischer Petrus gerufen oder den Zöllner Matthäus: „Komm, folge mir nach!“ Und sie haben ihm geglaubt und sind aufgebrochen. Von einem Tag auf den anderen. Wenn die Entscheidung klar ist, braucht man nicht zu warten!

Wer glaubt, bricht auf in neues Land, das Gott ihm zeigen wird. Tatsächlich beginnt ein Glaubensbekenntnis Israels mit dem Hinweis auf den wandernden Abraham. „Mein Vater war ein umherirrender Aramäer!“ (5. Mo 26,5) Glauben heißt immer wieder aufbrechen, unterwegs zu sein. Abraham sollte ein Segen sein für viele Menschen. Jesus hat es so formuliert: „Ihr seid das Salz der Erde!“ (Mat 5, 13) „Ihr seid das Licht der Welt!“ (Mat 5,14)

„Komm, folge mir nach!“ Was der Fischer Petrus und der Zöllner Matthäus gehört haben, kann auch heute ein 10-Jähriger hören und ein 30-jähriger und ein 70-Jähriger! Und er kann aufstehen und folgen und zeigen, dass er glaubt und Jesus für ihn der Herr ist. Ein 10-Jähriger wird die Berufung anders hören als ein 30 oder 70-Jähriger. Es gibt auch Berufungen für bestimmte Lebensphasen. Es gibt Phasen, in denen man besonders zum Beten gerufen ist, oder zum Bekennen, oder zum Lernen, oder seine Kreativität und Erfahrungen ins Reich Gottes einzubringen. Aber ich glaube nicht, dass Gott aufhört zu rufen und Menschen in den „geistlichen Ruhestand“ schickt.

Gott hat Abraham aber nicht einfach nur gerufen und losgeschickt. Gott hat ihm nicht nur gesagt „Sei ein Segen“, sondern er hat ihm reichen Segen versprochen! Er sollte Land bekommen. Ein großes Volk sollte aus ihm und der auch nicht mehr jungen Sarah werden. Und Gott bietet ihm etwas weiter im Text 1. Mose 12 Sippenschutz an: Wer Dir Gutes tut, dem werde ich Gutes tun! Wer Dich angreift, den greife ich an! Wer Dich beraubt, den beraube ich!

Gott hat Abraham große Verheißungen gegeben. Aber keine davon wird in Haran erfüllt! Er muss losgehen. Gottes Segen ist ein „Reisesegen“, ein „Wegsegen“. Abraham kann nicht in Haran bleiben, wo er ist und wie er ist, und diesen Segen erleben. „Geht in alle Welt!“ hat Jesus seinen Jüngern gesagt. Das ist auch so ein Reisesegen, ein Segen für Menschen, die sich auf den Weg machen, auf den Gott sie sendet. „Geht in alle Welt! Macht alle Völker zu Jüngern. Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe: SIEHE: Ich bin mit euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ (Math 28, 18-20) Beides können auch wir nicht haben: Unbeweglichkeit, Ungehorsam, Unentschlossenheit und Anteil an den großen Verheißungen Gottes. Man muss sich entscheiden! Wer wagt, gewinnt. Wer losgeht, der wird gesegnet.

2. Abraham als Mentor für einen Jüngeren

Abraham hieß in Haran Abram.  Gott hat dem aufbrechenden Aramäer den Namen Abraham gegeben. Abraham heißt „Vater von vielen!“ Auch dieser Name ist Berufung. Und der Erste, dem Abraham zum Vater wird, ist sein Neffe Lot. Mit dieser unscheinbaren Notiz wird er schon zu einem Abraham. Lot ist nicht sein eigener Sohn. Er ist der Sohn seines Bruders. Abrahams Bruder ist offensichtlich früh gestorben. Lot war Waise, elternlos. Sonst hätte er das Land sicher nicht verlassen. Abraham nimmt Lot als seinen Sohn an.  Er wird ihm Vaterersatz. Für Lot wird Abraham zum Segen, weil er in ihm jemanden findet, der ihn in seine Familie aufnimmt, der ihm Halt und Schutz gibt, von dem er lernen kann. Abraham und Sarah werden Lot zum Segen. Sie schenken ihm Zugehörigkeit und Geborgenheit.

Vielleicht ist das ja im weitesten Sinn eine Berufung für alle, die glauben, für das letzte Lebensdrittel: „Mütter und Väter im Glauben“ zu sein. Zugehörigkeit vermitteln, Erfahrungen anbieten, schützen, Halt geben, Jüngere fördern. Wer glaubt, nimmt andere mit auf dem Weg der Verheißung. Er geht Beziehungen ein, verbindliche, anhaltende Beziehungen. Wer alt wird und glaubt, hat die Jüngeren im Blick und sieht vielleicht jemand, der ihn braucht.

Lot und Abraham können Gottes Segen sehen in dem, wie ihre Herden immer größer werden. Sie werden reich. Die Schafe bekommen immer mehr Lämmer. Die Ziegen immer mehr Zicklein. Das Land wird knapp. Sie ziehen umher mit ihren beiden großen Herden. Aber die Wasserstellen sind immer wieder ein Problem. Die Hirten von Lot und Abraham streiten sich jedes Mal. „Wir waren zuerst hier!“ „Eure Schafe trinken unseren das ganze Wasser weg!“ Abraham muss handeln. Ich lese 1. Mose 13, 5-12:

5 Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. 6 Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander wohnen. 7 Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande. 8 Da sprach Abram zu Lot: Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. 9 Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. 10 Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Gegend am Jordan, dass sie wasserreich war. Denn bevor der HERR Sodom und Gomorra vernichtete, war sie bis nach Zoar hin wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland. 11 Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, 12 sodass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städten jener Gegend. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom.

Abraham wird Lot zum Vater. Lot wird ihm dankbar gewesen sein. Vielleicht müsste er ihm immer dankbar sein. Sein Leben lang. War er sicher auch. Aber Abraham stellt deswegen keine Forderungen an Lot. „Das habe ich alles für dich getan! Nun danke es mir auch! Ich bin der Ältere! Ich habe das Sagen! Ohne mich wärst du nie geworden, was du heute bist! Einmal Neffe, immer Neffe!“? Nein. Wie weise und großzügig verhält sich Abraham, als es für beide eng wird, als ihre Hirten anfangen zu streiten. Wie schnell könnte es jetzt zu einer Spaltung kommen, wenn Abraham seine Macht durchsetzt.

Der Gesegnete macht dem Jüngeren Platz. In großer Gelassenheit und Freiheit. Er lässt ihm die Wahl. „Dir soll es gut gehen! Das Land ist groß genug! Such du aus, wo du leben willst! Wir sind Brüder, da dürfen wir nicht streiten!“ Er nennt ihn Bruder! Er sagt nicht „mein Neffe“ oder „mein Sohn“. Lot ist kein Jugendlicher mehr. Lot ist erwachsen. Für Abraham bedeutet das einen Rollenwechsel. Er bestimmt nicht über Lot, er lässt ihm die Freiheit, er lässt ihn los, er sucht weiter sein Bestes. Lot soll jetzt seine eigenen Entscheidungen treffen und er wird gestützt und geschützt durch Abraham dabei. Andere zu begleiten und zu fördern ist wichtig. Aber dann muss man sie auch loslassen und sie als erwachsenes Gegenüber und als Bruder mit einer eigenen Gottesbeziehung ernst nehmen. Diesen Moment kann man auch verpassen. Und dann werden Schwestern und Brüder, die 20 oder 30 oder sogar 40 sind immer noch behandelt, wie Heranwachsende, denen man sagen muss, wo es lang geht.

Viele junge Erwachsene heute sehnen sich nach geistlichen Eltern. Wir haben in einer kleinen Gruppe unser heutiges Treffen mit Schwestern und Brüdern aus unserer Gemeinde ab 60 vorbereitet. Dabei war ein junger Erwachsener, Mitte 20. Und der sagte genau das:  „Viele von uns Jüngeren würden sich freuen, wenn sie einen älteren, reifen Christen hätten, mit dem sie reden könnten, mit dem sie sich über ihr Leben austauschen könnten.“ Wo sind die 55plus-Leute, die auch mal auf Junge zugehen, sie zum Essen einladen, sich nach ihnen erkundigen, für sie beten? Es gibt es mehr junge Menschen als man denkt, die sich über einen Vater oder eine Mutter im Glauben freuen würden. Abraham kann gelassen den Jüngeren segnen. Abraham ist wirklich der Vater des Glaubens.

3. Nicht lachen, sondern glauben!

Einen Bibeltext möchte ich euch noch lesen. Abraham und Sarah bekommen Besuch. Der Herr besucht sie, heißt es in 1. Mose 18. Gott besucht sie in Gestalt von drei Männern. Abraham bewirtet sie fürstlich, ohne zu wissen, dass Gott selbst ihm durch sie etwas zu sagen hat.

Ich lese 1. Mose 18, 9-15:

9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! 13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.

Das kann auch unsere Reaktion sein. Gott ruft und wir lachen darüber. Nicht laut. Nicht öffentlich. Aber innerlich. Wir lachen Gott nicht aus. Soweit würden wir nie gehen. Aber wir belächeln seinen Ruf. Wir belächeln seinen Auftrag an uns. Wir machen uns innerlich unseren eigenen Reim und sagen innerlich schon nein. Wir tun noch so, als hörten wir hin, in unserem Herzen lachen wir schon und wissen schon: „Das wird nichts!“

Als Frau blieb Sarah im Zelt. Es gehörte sich nicht, auf die Männer zuzugehen, sie zu begrüßen oder gar mit ihnen am Tisch zu sitzen. Aber sie hört zu. Sie sitzt im Zelt und kriegt alles mit. Sie sitzt sozusagen in der zweiten Reihe und lacht darüber, dass Gott ihr noch so etwas Neues, Großes ins Leben legen will. Früher, als sie noch jung waren, ja da sind sie auf Gottes Wort hin aufgebrochen. Da haben sie ihm alles zugetraut. Da haben sie Dinge ausprobiert, hatten Lust, sich noch mal zu verändern. Aber jetzt sind sie alt. Sarah lacht bitter. Sie wollte immer Kinder. Sie hat darum gebetet. Aber nie ist sie schwanger geworden.

Und so kann es uns doch auch gehen. Es gibt Dinge, die wir gerne einmal ausprobiert hätten, Gaben, die wir gerne weiter entwickelt hätten. Fähigkeiten, von denen wir uns gewünscht hätten, wir könnten sie für Gott einsetzen. Aber jetzt lächeln wir darüber. Der Zug ist abgefahren, wissen wir. Und wir lachen innerlich, wenn Gott uns rufen will.

Heute treffen nach dem Gottesdienst wir uns nach dem Gottesdienst mit über 60 Mitgliedern und Freunden der Gemeinde, die über 60 Jahre alt sind, zum Essen und zum Austausch. Ich habe J.P. neulich gebeten, mir eine Geburtstagsliste der Gemeinde auszudrucken mit allen, die 69 Jahre und älter sind. Mit allen, die dieses Jahr noch 70 werden, sind es 148 Personen. Etwa drei Fünftel der Gemeinde ist 70 Jahre und älter. Was ist das für ein Potential! Und was ist das für eine Verantwortung, wenn Ältere krank oder einsam werden.

Alt sein aber bedeutet absolut nicht schwach zu sein. Das letzte Lebensdrittel ist ein Geschenk. Vor 60 oder 80 Jahren dachte man, wenn jemand mit 65 in den Ruhestand ging, „Hoffentlich hat er noch ein paar schöne Jahre!“ Viele waren körperlich aufgebraucht, waren mit 65 oder 70 Jahren wirklich „alt“ im Sinne von schwach, nicht mehr belastbar, vielleicht krank. Das hat sich sehr geändert. „Das heutige 70 ist das Frühere 60!“ sagt man. Wer heute in die Rente geht, ist in der Regel noch sehr agil, gut ausgebildet, belastbar, erfahren. Nicht selten belastbarer als manch 20 oder 30-Jähriger. Und wenn sie Jesus gehören, hat Jesus noch etwas mit ihnen vor. Sie sollen ein Segen für andere sein. Sie sollen nach seiner Berufung für sie fragen. Sie sollen bereit sein, in einem neuen großen Lebensabschnitt vielleicht ganz Neues und Großes zu tun.

Ich könnte viele Beispiele erzählen, wo Menschen im Ruhestand Großes aufgebaut haben oder sich für bestimmte Aufgaben von Gott in Pflicht nehmen lassen haben. Pastor Heinrich Kemner war Pastor in Hamburg. Die Not der Drogenabhängigen hat ihn immer belastet. Im Ruhestand haben er und seine Frau mit Spenden andere einen Bauernhof in der Heide gekauft, Landwirtschaft begonnen und Drogenabhängige aufgenommen. Heute ist ein großes Zentrum in Krelingen in der Lüneburger Heide daraus geworden.

Ein Pastor erzählt, dass eine Frau zu ihm kommt, Anfang/ Mitte 60. „Ich habe jetzt genug geputzt!“ sagt sie. Sie wollte sich im Ruhestand um ihr Haus, Tiere und ihre Familie kümmern. Und jetzt sagte sie: „Ich brauche eine Aufgabe! Ich will gebraucht werden!“ Sie war leitende Sekretärin. Jetzt hat sie ein diakonisches Werk der Gemeinde aufgebaut und war noch viele Jahre der Verantwortung. Andere bauen einen Besuchsdienst in der Gemeinde auf. In einer Baptistengemeinde in Bremen gab es einen alten Bruder, der hat jedem aus der Gemeinde (jedem!) einen persönlichen Geburtstagsgruß geschrieben. Mein Vater hat im Ruhestand mit Ende 60 wieder im Kindergottesdienst angefangen.

Sarah hat damals etwas vergessen, als sie gelacht hat, und wir vergessen es auch, wenn wir Gottes Ruf belächeln und es uns nicht mehr zutrauen: Was Gott von uns erwartet, wozu Gott uns beauftragt, das übersteigt immer unsere menschlichen Möglichkeiten. Das ist so. Gott zu gehorchen und mit ihm aufzubrechen, das ist immer eine Sache des Vertrauens auf seine Kraft, auf seine Möglichkeiten, auf seinen Schutz.

Jesus hat seinen Jüngern gesagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ (Joh. 15,5). Nie wollte er damit sagen „Darum tut nichts!“ Umgekehrt: „Darum lasst euch rufen, lasst euch senden, tut etwas, denn wenn ich rufe, dann ist euch alles möglich!“

Amen.

Ich habe für diese Predigt sehr profitiert von dem kleinen Büchlein von Michael Rohde, Neu Berufen, Oncken-Verlag, Kassel, 2009.

 
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