Jesaja 2, 1-5 Alle kommen zum Zion.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße

5.8.2018, Pastor Norbert Giebel

Jesaja 2, 1–5 : „Alle kommen zum Zion!“

Liebe Gemeinde,

in Israel herrscht ein nie da gewesenes Chaos. Alle Hotels sind ausgebucht. Die Straßen sind verstopft. Multinationale Polizeitruppen versuchen dem Chaos Herr zu werden. Über Israels Flughäfen kreisen große und kleine Flugzeuge, bis sie landen können. In den Häfen kann kein Schiff mehr anlegen. Alle Haushalte rund um Jerusalem haben Gästezimmer eingerichtet. Niemand braucht nur einen Tag ein Schild herausstellen mit den Worten „Zimmer frei“. Es gibt keine freien Zimmer mehr. In den Hotels gibt es Wartelisten. Für über ein Jahr ist alles ausgebucht. Jerusalem ist zu einer Festung geworden. Wer drin ist schafft 100m in 10 Minuten, so ein Gedränge ist in der Stadt. An jedem Tor stehen Polizisten. Sie regeln wer hineinkommt. Man muss sich in lange Listen eintragen und bekommt dann den Tag gesagt, an dem man die Stadt betreten kann.

Und trotz all dem Chaos geht es friedlich zu! Menschen aus allen Teilen der Welt treffen aufeinander. Alle Kulturen Afrikas, Asiens, Amerikas, Arabiens sind vertreten. Aber keiner will dem anderen Böses. Alle wollen auf den Berg Zion, auf den Tempelberg, mitten in der Stadt: Sie wollen Gott um Rat fragen. Sie wollen Gottes Wege lernen.

Manche Regierungen schicken zunächst einen Mann vorweg, um sich schon einmal auf die Warteliste einzutragen: Putin will kommen mit 10 Vertrauen. Erdogan war da, mit Frauen und Männern aus der Türkei. Merkel ist angemeldet mit dem ganzen Kabinett. Die Britin Theresa May will unbedingt mit Jean-Claude Juncker zusammen hin, dem Präsident der Europäischen Kommission. Auch die Vertreter von Nord- und Südkorea wollen zusammen kommen! Donald Trump möchte zuerst mit seinen Freunden, wie er sagt, mit seinen Freunden aus Irak, Iran und Syrien auf den Tempelberg gehen. Präsident Assad hat sofort zugesagt.

Auf dem Zion finden Versöhnungen statt, die niemand für möglich gehalten hatte. Feinde liegen sich in den Armen. Menschen nehmen Gottes Rechtsspruch an, ohne zu murren, froh über jedes gerechte Urteil. Auch die Global Players aus der Wirtschaft sind da. Sie wollen sich Gottes Rat holen für eine gerechte Welt, für eine bessere Verteilung des Wohlstandes. Und wer einmal Gottes Stimme, Gottes Rat gehört hat, kommt wieder!

Unerklärlich hatte sich vor Monaten der Zion, der Berg in Jerusalem, erhoben. Man dachte zunächst an eine Verschiebung der Erdoberflächen, ein unterirdisches Erdbeben. Aber es war nicht erklärbar. Vorher gab es in direkter Nähe höhere Berge. Jetzt konnte man den Zion bei gutem Wetter schon von der Küste aus sehen. Er überragt alle anderen Berge, genau so wie die Propheten Jesaja und Micha es 750 Jahre vor Christus vorausgesagt hatten. Ein weltweites Zeichen hatte Gott aufgerichtet! In Jerusalem. Alle konnten es sehen. Jeder konnte hingehen und es prüfen.

Gott hat in Jerusalem ein Zeichen gesetzt. Von Jerusalem geht Gottes Wort aus. Und die Völker kommen. Überall auf der Welt, in jedem Land, auf jeder Insel, sagen Leute: „Kommt, lass uns nach Zion gehen!“ Und sie machen Frieden! Sie tun das, was sie vorher nie konnten. Sie begegnen dem einen lebendigen Gott, und sie werden neue Menschen. Ganze Völker können plötzlich vergeben! Schon in den ersten Wochen der großen Völkerwallfahrt nach Jerusalem haben alle Kriege aufgehört. Terroristen haben ihre Pläne verbrannt. Soldaten wurden umgeschult. Die Polizei trug weltweit keine Waffen mehr. Panzer wurden zu Lastwagen umgebaut. Kanonen und Gewehre eingeschmolzen, Ackergeräte, Werkzeuge für den täglichen Gebrauch wurden daraus hergestellt. Und die Menschen können teilen! Es gibt keinen Hunger mehr auf der Erde! Es gibt keine erste und zweite und dritte Welt mehr, es gibt nur noch eine Welt! „Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit!“ hat Jesaja gesagt (32,17). Der Friede kommt da, wo Gerechtigkeit wohnt. – Und jetzt lernen die Menschen Gerechtigkeit. Sie gehen Gottes Wege. Sie wollen und können Gottes Wege gehen. Die haben ein neues Herz, einen neuen Geist. Anders ist das nicht zu erklären. Das ist die Vision von Jesaja, die ich uns jetzt vorlese (Jesaja 2, 1-5)

1 Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: 2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, 3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. 4 Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. 5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Der Prophet Micha, ein Zeitgenosse Jesajas, hatte genau die gleiche Vision von dieser Völkerwallfahrt nach Jerusalem. So wird es sein, wenn Gott seine Herrschaft aufrichtet. So wird es geschehen, wenn alle Menschen auf Gott hören und tun, was sie gehört haben. Das ist die große Vision der letzten Zeit. Das sieht Jesaja für die letzte Zeit. Da will Gott hin und da wird er auch hinkommen. So wird es sein. Und er will uns mit dieser Vision anstecken.

Ob der Zion dann wirklich der höchste Berg sein wird, wird sich zeugen. Ein Achttausender mitten in Jerusalem. Auf jeden Fall wird es der Berg sein, der Gott am nächsten ist, der am nächsten am Himmel ist, der Berg, auf dem er sich zeigt.

Den Tempel, den Jesaja vor Augen hatte, gibt es allerdings lange nicht mehr. Der erste Tempel Salomos wurde ebenso zerstört wie der nach dem Exil (von Serubabel) erbaute Tempel und zuletzt auch der von Herodes erbaute Tempel im Jahr 70 nach Christus. Heute steht auf dem Tempelberg der Felsendom, eine der ältesten Hauptheiligtümer des Islam. Wie soll sich diese Prophetie Jesajas und Michas erfüllen? Was sehen sie? Wird Gott einen neuen Tempel erbauen? Wofür steht der Berg Zion, der Tempelberg, das Wort Gottes?

Vier Fragen habe ich dazu:
1. Wo ist Israel in dieser Vision?

Jesaja spricht zu Juda in seiner Zeit. Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem waren bedroht. Überall gab es Kriege. Immer wieder wurde Jerusalem belagert. Die Völker die kamen, wollten nichts Gutes. Aktuell stand das Weltreich der Babylonier vor der Tür. Und Jesaja sieht sein Volk in die Irre gehen. Sie setzen auf ihre Kraft. Sie setzen auf falsche Bündnisse. Sie kehren nicht um zu Gott. Sie hören nicht, was er ihnen zu sagen hat. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. In Jesajas Vision vom Zion spielt Israel keine große Rolle mehr. Die Völker und ihre Herren kommen nicht nach Israel! Sie kommen zu dem einen Gott.

Nicht Israel wird hoch gepriesen, sondern der Gott Jakobs, der Gott Israels. Nicht Israel wird zum Licht der Völker, sondern Gott wird der ganzen Welt zeigen: „Ich bin das Licht der Welt!“ (Joh. 8) Israel hat keine Sonderrolle mehr. Diese Vision der Wanderung der Heiden zum Zion steht mitten in Gerichtsreden gegen Israel. Wenn Israel nicht hört, dann werden Heiden kommen und hören. Wenn Israel sich nicht helfen lassen will, werden Heiden kommen, und sich helfen lassen. Juden, die zu Gottes Wort wollen, die zum Licht der Welt wollen, die eifersüchtig geworden sind durch den großen Run der Heiden, sie müssen sich genau so wie alle anderen in das Buch eintragen. Sie haben keinen Vorsprung mehr. Sie sehen zu.

Gerade vorher hat Jesaja es seinem Volk ins Gesicht gesagt: „Ihr seid wie Kinder, die ihren Vater nicht mehr kennen!“ Jeder Ochse kennt seinen Herrn und jeder Esel seine Krippe, aber ihr versteht es nicht!“ (1,2f) „Hört des Herrn Wort, ihr Herren von Sodom!“ sagt Jesaja zu seinen Leuten (1,10). Sodom aber, das war das Symbol, ein Synonym für den Abfall von Gott. „Ihr von Herrn Abgefallenen!“ nennt Jesaja sie. Scharf kritisiert er die Gottesdienste des Volkes direkt vor seiner Zionsvision: „Was soll ich mit euren Opfern?“ spricht der Herr. „Ich bin eure Brandopfer satt! Das Fett eurer Mastkälber, eure Lämmer und eure besten Böcke, Speiseopfer und Räucherwerk.“ (vgl. 1, 10-17) „Wenn ihr betet, werde ich euch nicht mehr hören.“ (V15) Gott will neu anfangen! Das ist die Botschaft des alten Jesajas. „Die treue Stadt Jerusalem ist zur Hure geworden!“ sagt Jesaja ebenfalls alles im ersten Kapitel direkt vor der Zionsvision. (1,21) „Zion muss durch Gericht erlöst werden! Und die zurückkehren zum Zion durch Gerechtigkeit! Alle Sünder und Übertreter aber werden vernichtet!“ (Vgl. 1,27f) Direkt nach seiner Vision von der Heidenwallfahrt nach Zion schreibt Jesaja: „Du aber, Herr, hast dein Volk verstoßen!“ (2,6)

Israel hat in dieser Vision keinen Vorsprung vor den Völkern. Israel muss den gleichen Weg wählen wie sie: Umkehren und auf Gottes Wort hören. Aber die Heiden werden Israel zuvor kommen!

2. Frage: Was ist der Berg Zion, was ist das Wort Gottes, ohne Bild?

Was wird in Jerusalem passieren, dass so viele Heiden Gott dort begegnen können? Es gibt nur einen, der das Licht der Welt ist. Es gibt nur ein Zeichen, das Gott vor aller Welt gegeben hat. Es gibt nur einen Berg, kein andere ist dem Himmel näher und kein andere ist noch niedriger bei den Menschen als der Berg Golgatha. Es gibt nur einen, von dem Johannes schreibt, dass er das Wort Gottes in Person ist, das von Anfang an beim Vater war und Fleisch geworden ist, Mensch geworden ist. (Joh 1,1-14)

Die Vision Jesajas ist in Jesus Christus in Erfüllung gegangen! Er ist das Wort Gottes, von dem alle Weisung ausgeht. Er wird das gerechte Urteil sprechen. Niemand sonst. Schon Jesaja hat unter dem Wort Gottes kaum einfach die Thora gemeint, die fünf Bücher Moses, sondern ein neues, ein aktuelles, ein mächtiges Wort Gottes an alle Völker. In Jesus Christus gibt der eine Gott sein Wort. „In ihm war das Leben“ vor allem Anfang und „das Leben war das Licht des Lebens“, schreibt Johannes zu Beginn seines Evangeliums. Jesus nimmt das auf und sagt: „Ich bin das Licht des Lebens!“ (Joh. 8,12) „Ich bin als ein Licht in diese Welt gekommen, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt!“ (Joh. 12,46)

Vielleicht wird Jerusalem am Ende der Zeiten noch einmal eine ganz große Rolle spielen. Vielleicht wird der Zion der größte Berg. Aber Jesaja sieht eine Vision, ein Bild. Ich lasse mich gerne überraschen, wie Gott es erfüllen wird. So viel aber ist jetzt schon klar: Jesus Christus ist Gottes Wort, das die Welt hören muss. Er bringt Gerechtigkeit und Frieden. Er ist der Weg zum Vater. Für alle Völker und am Ende auch für Israel. „In ihm sind alle Verheißungen Gottes erfüllt!“ hat Paulus gesagt.

Die Vision der Völkerwanderung zum Zion ist weder ein Heilsweg der Völker neben Jesus, an Jesus vorbei, noch wird Israel darin verherrlicht oder hervorgehoben.

3. Frage: Was hat diese Vision mit unserem Leben zu tun?

Was fangen wir mit so eine Vision an? „Schwerter zu Pflugscharen!“ Das ist schon lange das Motto, die Vision der Friedensbewegung. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hat daraufhin gesagt: „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen!“ Mit Visionen kann man keine Politik machen. Helmut Schmidt hat von Verantwortungsethik gesprochen und sie von einer persönlichen Gewissensentscheidung, einer Überzeugungsethik unterschieden. Der Bundeskanzler, jede Regierung der Welt, ist für eine ganze Nation verantwortlich mit unterschiedlichen Überzeugungen, unterschiedlichen Religionen, Einstellungen, Interessen.

Kann eine Regierung einfach sagen, „Wir schaffen die Waffen ab? Wir wehren uns nicht mehr?“ Würden an vielen Orten der Welt nicht sofort bewaffnete Nachbarvölker einmarschieren? Würde das nicht sofort zu einer Gewaltherrschaft des Bösen führen? Sollen Polizisten die Waffen genommen werden und die Gangster ihre behalten? Wie soll das funktionieren, wenn nicht alle zum Zion gehen und den Krieg verlernen und Gottes Wege leben lernen? Kann es ein Leben ohne Waffen geben ohne neue Menschen, die die Gerechtigkeit lieben, die ein neues Herz haben?

Und doch bleibt es Gottes Vision. An den Visionen von Gottes Reich können wir seinen Willen erkennen. Dahin sind wir auf dem Weg! Und Jesaja sagt eben nicht nur, „so wird es einmal sein“, sondern er sagt: „Darum,“ so schließt er seine Vision, „darum lasst uns leben in diesem Licht des Herrn!Ein Volk ohne Vision geht ein. Eine Kirche ohne Vision geht ein. Ein Mensch, ein Christ, ohne Vision, hat keine Richtung für sein Leben.

Vielleicht ginge es viel öfter schon ohne Waffen. Vielleicht wären Verhandlungen, Gespräche, Begegnungen, sich kennen zu lernen, schon jetzt viel öfter der bessere Weg, als aufzurüsten und an Feindbildern festzuhalten. Vielleicht kämen viele Menschen schon heute viel weiter, wenn sie aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt ausstiegen. Vielleicht würde heute schon mehr Gerechtigkeit  mehr Frieden bedeuten. Vielleicht liegt öfter als wir denken heute schon viel mehr Segen darauf, Gottes neue Welt hier zu üben, zu versuchen, danach zu leben.

Die Täufer, die reformatorischen Vorväter der Baptisten, sie haben auf alle Gewalt verzichtet. Sie haben sich verhaften lassen und sich nicht gewehrt. Jesus war dabei ihr Vorbild. Lieber wollten sie sterben als das Schwert zu nehmen. Wir sind nicht Helmut Schmidt. Wir müssen gar nicht für ein ganzes Volk entscheiden. Aber wir müssen und können für uns entscheiden. „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!“ sagt Jesaja (V5)

Jesus hat sich selbst das Licht der Welt genannt, aber er hat auch gesagt: „Ihr seid das Licht der Welt! (...) So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen!“ (Matthäus 5, 14-15)

4. Frage: Was liegt jenseits von Afrika?

Die Erlebnisse der Tania Blixen wurden vor zu dem Film Jenseits von Afrika. Für das Jenseits gibt es eine Schlüsselszene. Die Heldin des Films war mit einem Tross in der Afrikanischen Savanne unterwegs. Um sich nicht zu verirren gab es eine einfache Regel: Jeden Morgen suchte sie einen festen Punkt am Horizont. Darauf steuerte sie den Rest des Tages zu. Den Horizont erreichte sie nie, die einzelnen Punkte auf dem Weg dahin aber sicher, wenn auch nicht immer an einem Tag. Das Ziel ihrer Reise fand sie, weil sie immer vor Augen hatte, wo sich Himmel und Erde berühren. Der Horizont ihrer Reise hat die einzelnen Zielpunkte bestimmt. So ist sie ans Ziel gekommen. Ohne Vision verliert sich unser Leben im Sande. ... Alles was wir sind und tun geht unter in der Wüste dieser Welt. Was also ist deine Vision? ... „Kommt nun, ihr vom Hause Möncheberg, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!“ (V5)

Amen.

Den Schluss der Predigt habe ich dem Anfang der Predigt entnommen von Thomas Jabs, Göttinger Predigen im Internet, 6.8.2017

 
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