Joh 7, 37-39 Ströme lebendigen Wassers

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Pastor Norbert Giebel, 26.08.2018

Johannes 7, 37-39   Ströme lebendigen Wassers

 

Endlich Wolken am Himmel. Die ersten schafft sie Sonne noch zu vertreiben. Aber sie werden mehr. Und sie werden dunkler. Verheißungsvoll dunkler. Könnte es diesmal sein? Eine Spannung liegt über der Wüste. Gespannte Erwartung. Und dann tatsächlich der erste Tropfen, der zweite, hier und da ein weiterer. Sie zerspringen auf dem heißen Sand. Aber es werden mehr. Und mehr. Der Himmel öffnet seine Schleusen  und es gibt kein Halten mehr. Zum ersten Mal nach drei Jahren: Regen.

Einige kennen den Film „Die Wüste lebt“. Das Land scheint hoffnungslos trocken. Kein Leben mehr in Sicht. Stundenlang regnet es dann endlich auf die heiße Wüste. Und dann, nach ein paar Tagen, strömt das Wasser in den alten ausgetrockneten Flusslauf. Bäche fließen zusammen zu einem See. Die Tiere finden sich ein. Sie trinken und toben im Wasser. Wo waren sie vorher alle? Und dort, wo nur Sand war, sprosst es zart und grün. Überall strecken Pflänzchen ihre Köpfe ans Tageslicht. Jahrelanges Warten im trockenen Sand  auf diesen Moment. Und jetzt wachsen sie. Und blühen. In wenigen Tagen hüllt ein Farbenmeer die Hügel ein. Aus der Wüste ein Paradies. Leben, wo kein Leben mehr war.

Um Wasser geht es heute. Lebendiges Wasser. Und um Durst geht es heute. Ich lese den Predigttext aus Johannes 7, 37-39:

Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten, denn der Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

  1. Ein ungeheurer Anspruch!

Jesus nimmt sich einiges heraus auf dem Laubhüttenfest. Die Stadt ist voll. Das Laubhüttenfest ist eins der drei großen Wallfahrtsfeste Israels. Und es ist das fröhlichste! Israel denkt an Gottes wunderbare Speisung, als das Volk durch die Wüste gehen musste. Aus einem Felsen hat Gott Wasser sprießen lassen. Aus einem Ort, wo niemand, mit Wasser rechnen konnte.

Und zugleich ist das Laubhüttenfest ein Erntedankfest. Gott hat Wasser geschenkt. Wasser bedeutet Leben! Sieben Tage wird gefeiert. Eine ganze Woche Ausnahmezustand. Überall kleine Laubhütten. Väter und Söhne schlafen darin. Zur Erinnerung an die Wüstenzeit. Zur Erinnerung, dass wir unterwegs sind im Leben, dass dieses Leben nur eine Hütte ist, die vergeht. Ein richtiges Vater-Sohn Camping. Es wird gesungen und getanzt, gegessen und getrunken. Überall hört man Kinder lachen.

Wasser spielt eine große Rolle bei diesem Fest. „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Heilsbrunnen!“ hat Jesaja gesagt (12,3). Es geht nicht nur um Trinkwasser. Es geht um das Wasser, das Gott schenkt,   das Menschen für ihr Leben, für ihre Seele brauchen. Jeden Tag holt ein Priester Wasser aus dem Teich Siloah. Jeden Tag wird er mit Trompetenstößen begrüßt und gießt das Wasser über den Altar. Dass das Land, Tiere und dass wir Menschen das Wasser bekommen, was wir zum Leben brauchen, darauf hofft Israel, das wird gefeiert, darum wird gebetet.

Dass am Ende der Zeiten vom Tempel aus Wasser in alle Himmelrichtungen fließt und sogar das Tote Meer wieder zum Leben findet (vgl. Hes. 47, 8-12), diese Hoffnung war auch mit der Hoffnung auf den Messias verbunden: Wenn Gott seinen Retter, seinen König schickt, dann wird Leben in alle Welt fließen. Dann wird es wieder grün, wo vorher nur trockene rissige Erde war.

Der letzte Tag des Festes war der Höhepunkt, wie es auch Johannes schreibt. Ein festlicher Umzug in der Stadt hin zum großen Abschlussgottesdienst. Und dann steht Jesus auf: Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Was ist das für ein Anspruch! Die Leute diskutieren. In den folgenden Versen ab Vers 40 können wir es nachlesen: Einige sagen: „Er ist wirklich ein Prophet!“  Andere sagen „Er ist der Messias!“ Andere widersprechen: „Der Messias soll nicht aus Galiläa kommen, da kommt Jesus doch her. Der Christus soll aus Juda kommen, aus Bethlehem, der Stadt Davids.“ Noch andere wollen ihn ergreifen, aber keiner traut sich.

Jesus stellt den Anspruch, der Messias zu sein! Von dem die Schrift sagt, ergänzt er. Von dem Propheten gesprochen haben. Sein Ursprung, behauptet er, sein Ursprung liegt nicht in dieser Welt. Er ist von Gott gesandt in diese Welt, behauptet er. Was ist das für ein Anspruch! Aber so ist es: Wer nur auf die irdische Herkunft Jesu sieht, wird sein Geheimnis nie erkennen. Wer sich mit Jesus als einer geschichtlichen Person begnügt, in Bethlehem geboren, in Nazareth aufgewachsen,  Gottes Liebe gelebt und gepredigt, auf Golgatha gestorben, wer sich mit seiner geschichtlichen Person begnügt, wird nie erleben, was Gott uns in ihm geschenkt hat. Jesus gehört nicht einfach in eine Reihe mit  Mahatma Ghandi, Martin Luther King und Nelson Mandela. Er gehört in die Reihe Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er ist Gott, Mensch geworden!

„Kommt her zu mir!“ ruft Jesus am höchsten Tag des Festes. „Ich bin es, der euch das Wasser gibt, um das ihr bittet. Nehmt mich an. Vertraut mir. Geht nicht irgendwo anders hin. Warum trinkt ihr Wasser, das euch nicht satt macht? (Vgl. Jesaja 55 Anfang) Zu ihm soll jeder kommen, der Durst hat, der ausgetrocknet ist, der sich nach Regen sehnt in seinem Leben. Zu ihm soll jeder kommen, bei dem nichts mehr fließt, der sich fühlt wie ein ausgetrocknetes Flussbett. Zu ihm soll jeder kommen, der das Wasser haben will, das bis ins ewige Leben fließt.

Sie sollen kommen und trinken. Aber sie sind doch alle da!? Sie sind doch alle um ihn herum!? Offensichtlich kann man feiern, mittendrin sein, in der Gegenwart Jesu, und nicht kommen und nicht trinken. Man kann Zuschauer bleiben. Und diskutieren. Sie sollen zu ihm kommen und trinken. Nur so wird ihr Durst gestillt. Trinken tun sie, indem sie ihm glauben, wenn sie ihm vertrauen, wenn sie ihn als ihren Messias annehmen.

2. Jesus stillt den Durst nach Leben!

Es gibt wenige Psalmen, die wir so viel bedeuten wie Psalm 63:

„Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir aus trockenem dürrem Land, wo kein Wasser ist. So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum, wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit. ....
Das ist meines Herzens Freude, und Wonne, wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann. Wenn ich mich zu Bette lege, denke ich an dich. Wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach. Denn du bist mein Helfer. Unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.
meine Seele hängt an dir und deine rechte Hand hält mich fest.

Hier betet ein Mensch, der an Gott glaubt, der ihn aber in seinem Leben, in seiner Situation, in seinem Leiden, nicht findet, nicht mehr finden kann. Trocken geworden sind Leib und Seele, wie in dürrem Land, in dem kein Wasser ist. Mein Gott, du bist der Gott, den ich suche. Leib und Seele gehören zusammen. Beides ist eingetrocknet.

Stets von der Quelle zu trinken, das brauchen auch diejenigen, die schon an Jesus glauben, die sein Lebenswasser weitergeben wollen, die ihm dienen. Man kann an der Quelle sitzen und selber nicht trinken. Dann trocknet die Seele ein! Von Jesus als unserer Quelle zu trinken, das ist kein Luxus, auf den man verzichten kann. „Komm zu mir und trinke“, so lädt Jesus auch die ein, die schon zu ihm gehören. Christen sind keine Kamele, die in großen Speichern wochenlang Wasser speichern können. Christen brauchen Christus. Frisch! Wer am Ende beten kann „Meine Seele ist stille in dir, und du hältst mich mit deiner rechten Hand“, der ist satt geworden.

Mit was für einem Durst kommen Menschen? Und: Was ist das lebendige Wasser, das Jesus ihnen gibt? Ich sage euch, was ich denke, was der Durst ist: Es ist der tiefste Lebensdurst nach Schutz, nach Anerkennung, nach Sinn, einen Wert zu haben, nach Ewigkeit, einen tiefen oder auch ganz hohen Sinn und Halt im Leben zu haben, nie ohne Hoffnung zu sein. Es ist die Gewissheit, zu dem einen lebendigen Gott zu gehören und zu wissen, dass er mich in meinem Leben leitet.

Ich habe gelesen, was die vier Grundbedürfnisse aller Menschen seien.  Egal, ob es in allem stimmt. Vielleicht kann man es auch anders sagen. Aber diese vier wurden genannt. (www.predigt-online.de; Cornelia Trick, 28.5.2017 in Brombach). Diese so genannte Bedürfnispyramide wird einigen bekannt sein:

  • Zuerst brauchen Menschen Essen,Trinken, Schlaf und Luft zum Atmen. Das hat erste Priorität. Der Durst nach diesen lebensnotwenigen Dingen überlagert alle anderen Bedürfnisse. Wer nichts zu essen hat setzt alles daran, sich Essen zu besorgen. Der geht nicht ins Kino und plant keinen Urlaub.
  • Das zweitwichtigste Bedürfnis ist Sicherheit. Dazu braucht man eine vertraute Umgebung, ein Dach über dem Kopf, genug Geld, Schutz vor Einbrechern und Angriffen jeder Art, vor Verurteilungen, Mobbing.
  • Das dritte Bedürfnis sind soziale Kontakte. Annahme, Wertschätzung, Familie und Freunde. Geborgenheit und Einheit zusammen mit anderen Menschen: Das zu erleben ist ein Lebensdurst.
  • Ist für Essen und Trinken gesorgt, das Leben möglichst sicher, man hat Freunde, vertraute Beziehungen, geht es im vierten Grundbedürfnis um die Persönlichkeit, das Ich: Sich zu entfalten, einen Glauben zu haben und zu leben, den Sinn des Lebens zu finden, Interessen, Gaben einbringen zu können, etwas gestalten, etwas schaffen zu können mit Wert.

Das will Gott uns schenken! Das ist Wasser, das wir bei Jesus bekommen, auch wenn andere Begriffe uns vielleicht vertrauter sind: (1) Äußere Versorgung, (2) Schutz, (3) Gemeinschaft (4) Persönlichkeit, Sinn, etwas zu schaffen, mit ewigem Wert.

Ist dann damit aller Lebensdurst gestillt? Ich sage mal: Nein. Ich würde es gerne versprechen könne, kann es aber nicht. Vielleicht hast du Durst nach einem Lebenspartner einem Mann, einer Ehefrau. Vielleicht wünscht ihr euch so sehr ein Kind und werdet nicht schwanger. Vielleicht hast du keinen gesunden Körper und möchtest gesund werden. Vielleicht ist auch die Seele krank und du hast mit Depressionen oder Ängsten zu tun. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Das wird alles gut. Das wirst du alles bekommen. Obwohl es ein so Kleines für Gott wäre.

Vielleicht schenkt Gott dir genau das, wonach du dich sehnst. Aber auch unsere Leben bleiben Leben in einer gefallenen Welt. Solange wir hier leben wird uns nicht jede Träne abgewischt. Auch Christen haben oft ein Kreuz zu tragen in ihrem Leben. Und dennoch bleibt das Versprechen Jesu: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten.“

„Das sagte er aber im Hinblick auf den Heiligen Geist“, ergänzt Johannes. Gott selbst wird in dir wohnen und die ein Leben in Fülle geben! Freude, Friede, Liebe, Hoffnung, Vertrauen sollen in dir wohnen! Das ist immer noch ein großer Anspruch. Und manchmal muss man vielleicht drei Jahre warten – wie das dürre and in dem Film „Die Wüste lebt“ – bis das Grün wieder sprießt.

3. Es sollen Ströme lebendigen Wassers von uns ausgehen.

Das Wasser, das Jesus uns gibt, wird nicht uns versickern. Wir werden satt. Und das Wasser fließt durch uns zu anderen hin: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen!“ Andere werden sehen, dass ich einen Halt habe, dass ich getröstet bin. Ich werde sagen, wer meine Kraft und wer meine Hoffnung ist. Ich werde meinen Glauben bekennen. Ich werde reden wollen von dem, der meine Freude ist.

Ich werde es weitersagen: „Kommt zu ihm. Trinkt bei ihm. Warum trinkt ihr Salzwasser in eurem Leben, das euch nicht satt macht, das euch immer nur doch durstiger macht!?“ Und das lebendige Wasser fließt auch durch mich: Zuerst es ist Christus selbst, aber auch bei mir oder in der Gemeinschaft von Christen bekommen Menschen, was sie zum Leben brauchen:

  • Hungrige bekommen zu Essen. Nackte werden gekleidet.
  • Menschen erfahren Schutz, Geborgenheit, Sicherheit. Sie werden nicht verurteilt oder angegriffen. Sie werden angenommen.
  • Durch mich, durch Christen, in der Gemeinde erleben Menschen Freundschaft, ehrliches Interesse an ihnen, Liebe. In der Gemeinde sind Menschen, die nehmen einander an und unterstützen sich gegenseitig.
  • Und auch das vierte menschliche Grundbedürfnis wird gestillt: Ich setze mich dafür ein und Menschen können es in der Gemeinschaft mit Christen erleben: Was sie zu geben haben, ist wertvoll. Sie können mit gestalten. Sie finden vor Gott zu sich selbst und sie dürfen sie selber sein.

Das, was Menschen bei Jesus erfahren und selber bekommen, das strömt auch aus ihnen heraus! „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ Jede und jeder kann das sein, der zu Jesus kommt und trinkt. Ohne Vorbedingung. Man muss nichts Besonderes sein oder getan oder erkannt haben. Nur kommen und vertrauen. Nicht nur diskutieren.

Und: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen!“ Das ist es, was der Gottes Heiliger Geist unter uns wirken will: Dass Menschen auch von uns bekommen, was sie zum Leben brauchen.

Für beides können wir beten: Beides können wir im Namen Jesu bitten, denn das ist es, was Jesus am Herzen liegt: Selber kommen und trinken. (2) Und dass Gottes lebendiges Wasser auch durch uns zu anderen Menschen fließt.

Amen

Den Predigteinstieg habe ich in etwa übernommen von Christiane Nadjé-Wirth (ev.-luth.), 05.06.2011 in der Petrikirche/Höxter, Predigtpreis.de. Profitiert habe ich auch von der Predigt aus Wollmatingen (www.ek-wollmatingen.de; ohne Datum und Name).

 
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