1. Thess 1, 2-10 Gemeinde mit Ausstrahlung

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße, 02.09.2018
Pastor Norbert Giebel

1. Thess. 1, 2-10 „Gemeinde mit Ausstrahlung“

Liebe Gemeinde am Möncheberg,

„Gemeinde mit Ausstrahlung“ habe ich die Predigt überschrieben. Wie geht das? Was ist das, eine Gemeinde mit Ausstrahlung? Was soll sie denn ausstrahlen? Die Gemeinde Jesu soll Christus ausstrahlen, Gottes Liebe soll an ihr erkennbar sein. Aber wie geht das praktisch? Wo kommt die Kraft dazu her? Wie lebt man denn, wie glaubt man denn in einer Gemeinde mit Ausstrahlung?

Ich selber würde es so versuchen: Eine Gemeinde mit Ausstrahlung ist eine Gemeinde mit geheilten Beziehungen. Die Beziehung zu Gott ist geheilt, fröhlich, fest, ganz gewiss. Sie ist zur Mitte des Lebens geworden und jeden Tag wird sie erlebt und bekommt ihren Raum. Die Beziehung zu mir selbst, zu den Menschen selbst ist geheilt. Menschen haben sich vor Gott erkannt, sie haben sich selbst vor ihm gefunden, sind in Frieden mit sich selbst. Sie können mit sich selbst umgehen. Und die Beziehungen zu anderen Menschen sind geheilt. Liebe, Achtung, die Bereitschaft für andere das zu sein, sind stark ausgeprägt. Menschen in einer Gemeinde mit Ausstrahlung sind offen für andere Menschen und in einem großen Maß frei von sich selbst.

Was eine Gemeinde mit Ausstrahlung ist, zeigt sich nicht zuerst daran, was sie tut, was sie für ein Programm hat, sondern daran, was sie ist, wer in ihr wirkt, ob sie ein neues Herz hat. Das zeigt sich dann wie von selbst auch in dem, was sie tut. Diese drei Beziehungen würde ich nennen, sie sind neu, geheilt. Das wird sichtbar in einer Gemeinde mit Ausstrahlung: Da leben Menschen spürbar in einer geheilten Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu anderen Menschen.

Auf die Überschrift zu meiner Predigt aber kam ich durch den Predigttext für heute, aus dem ersten Brief von Paulus an die Thessalonicher. Thessaloniki heißt heute Saloniki und liegt im Norden von Griechenland. Paulus hatte die Gemeinde etwa 50 nach Christi gegründet. Und er hört Gutes von der Gemeinde dort, weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Das ist eine Gemeinde mit Ausstrahlung. Ich lese den Briefanfang 1. Thes 1, 2-10

2 Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unsern Gebeten 3 und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus. 4 Brüder und Schwestern, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid; 5 denn unser Evangelium kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Fülle. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen. 6 Und ihr seid unsere Nachfolger geworden und die des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist,
7 sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Makedonien und Achaia.
8 Denn von euch aus ist erschollen das Wort des Herrn nicht allein in Makedonien und Achaia, sondern an allen Orten hat sich euer Glaube an Gott ausgebreitet, sodass es nicht nötig ist, dass wir darüber etwas sagen. 9 Denn sie selbst verkünden über uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott, weg von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott 10 und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns er-rettet von dem zukünftigen Zorn.

In drei Punkten will ich dazu sprechen, was ich denke, was die Gemeinde in Saloniki zu einer Gemeinde mit Ausstrahlung macht. 1. Sie danken für jeden Einzelnen. 2. Sie sind getrieben von Glaube, Liebe und Hoffnung. 3. Sie sind Vorbild für andere.

(1.) Sie danken für jeden Einzelnen.

Zunächst sind es die drei Absender des Briefes, Paulus, Silvanus und Timotheus. Sie schreiben hier, dass sie dankbar sind für jeden in der Gemeinde Saloniki. Dankbar zu sein für jeden einzelnen Christen, für jeden in der Gemeinde, das ist aber Programm bei Paulus. Dass ist eine Grundhaltung. Das gehört zu ihm und seinen Mitarbeitern. So prägt er seine Gemeinden. Der Gemeinde in Philippi schreibt er auch „Ich danke Gott allezeit für euch alle!“ (Phil 1,4). Für jeden Einzelnen. Das Gebet ist wie ein Netz, das die Gemeinde zusammenhält. Wie ein Netz von Adern, Blutgefäßen, die Kraft und Sauerstoff überall hinbringen. „Wir beten anhaltend für euch alle“ schreiben Paulus und seine Mitarbeiter.

Für eine Gemeinde kann man viele Bilder verwenden. Eine Gemeinde kann ein Kaufhaus sein. Die Leute kommen regelmäßig, jeder guckt nach, ob er etwas findet, was er gebrauchen kann, nimmt es und geht wieder nach Hause, in sein Leben. In einem Kaufhaus kennt man die anderen nicht. Sie interessieren mich auch nicht. Hauptsache, ich bekommen, was ich brauche. Jeder bleibt in seiner Welt. Oder Gemeinde als ein Brunnen lebendigen Wassers. Man kommt regelmäßig, trinkt sich satt und geht wieder.

Im Neuen Testament ist Gemeinde überhaupt kein Ort. Das muss man sich mal klar machen. Gemeinde ist kein Haus, kein Ort, kein Programm. Gemeinde im Neuen Testament sind immer Menschen, die miteinander verbunden leben. Menschen, die Jesus gerufen hat, die seinem Ruf gefolgt sind und jetzt zusammen gehören, wie alle Teile eines Körpers zusammengehören und nicht mehr für sich allein denkbar sind!

Die Beziehung zu Gott ist heil geworden, und gleichzeitig die Beziehung, die Menschen zu sich selbst und zueinander haben. Das kann man gar nicht trennen. Die Beziehung zu Gott wird heil und damit auch die Sicht auf mich selbst und meine Verbindung mit anderen Menschen. Und die Grundhaltung ist: Man weiß umeinander, man betet füreinander und man ist dankbar für jeden Einzelnen. Keiner ist unwichtig! Niemand steht am Rand! Jeder Christ ist ein Wunder! Gott hat ihn erwählt, Gott hat ihm Glauben geschenkt. Jeder Einzelne hat jetzt schon das ewige Leben! Christen beurteilen und verurteilen sich nicht gegenseitig. Keiner stellt sich über den anderen. So verschieden wir auch sind. Jeder ist dankbar für jeden und betet für ihn.

Ich bin sicher: Eine Gemeinde, die Gottes Geist zu neuen Beziehungen befreit, die gelebt und gefüllt werden, zu Gott, jeder zu sich selbst und zueinander, die kann gar nicht ohne Ausstrahlung bleiben. Als Übung könnte man unser Gemeindeverzeichnis nehmen. Ich hoffe, wir bekommen sehr bald wieder ein aktuelles, das wir herausgeben können. – Dass wir kein aktuelles Verzeichnis haben, das wir weitergeben können, ist nicht nur ein organisatorisches, sondern auch ein geistliches Problem.

Man könnte das Verzeichnis nehmen mit Mitgliedern, Freunden, Kindern unserer Gemeinde und für jeden Einzelnen danken. „Ich danke dir von Herzen Gott ...“ und dann liest man langsam eine Seite des Verzeichnisses: „Für Elvira A., für Knut und Hannelore A., für Hans-Ulrich und Evemarie A., für Heidi und Meinolf A., für Volker A., für Melanie und Markus und Victoria A..“ Das war Seite 1 des Verzeichnisses. Wenn der Einzelne gesehen wird, dann wird auch die neue Einzelne gesehen, oder der alte Einzelne, der nicht mehr zum Gottesdienst kommen kann.

Was macht Saloniki zu einer Gemeinde mit Ausstrahlung:

(2.) Sie sind getrieben von Glaube, Liebe und Hoffnung.

Die Gemeinde in Saloniki ist über ihre Grenzen hinaus bekannt. Man spricht von ihr. Da ist etwas ganz Lebendiges zu spüren, zu sehen, zu erleben. Paulus fasst es in die Worte Glaube, Liebe und Hoffnung. Allezeit, schreibt er, haben sie das Werk ihres Glaubens und die Arbeit in ihrer Liebe und die Geduld in ihrer Hoffnung auf Jesus Christus vor Augen. Sie glauben und lieben und hoffen nicht einfach, unkonkret und unsichtbar. Nein. Der Glaube ist sichtbar in dem, was sie tun! Sie „predigen“ mit ihrem Leben. Der Glaube macht einen Unterschied in ihrem Leben.

Die Grundursache dafür ist ihre Bekehrung. Es ist überall bekannt, wie ihr euch weggewendet habt von euren alten Göttern, schreibt Paulus. Was könnten solche Götter heute sein, denen Menschen dienen, von denen Christen sich mit aller Entschiedenheit abwenden? Dass das ganze Leben darauf aus ist viel Geld zu haben, viel Erfolg, viel Anerkennung für uns selbst. Kann das ein Götze sein?

Dass irgendein Hobby meine ganze Zeit auffrisst, kann das ein Götze sein? Ich kenne jemanden, der ein super Fußballer war. Ambitionen mindestens auf die zweite Bundesliga, der für sich erkannt hat, dass er so Jesus in seinem Leben nicht dienen kann mit dem, was Jesu von ihm will, wozu er ihn begabt hat, und der das Fußballspielen aufgegeben hat. Kann ein Hobby ein Götze sein, der mein ganzes Leben auffrisst?

Feten feiern, ständig auf Partys gehen, andauernder Alkoholkonsum, offen sein für sexuelle Abenteuer, das kann ein Götze sein, von dem Christen sich abwenden. Fernsehsucht, die Glotze ist immer an! Computersucht, es gibt vernetzte Computerwelten, Spiele, an denen Menschen jeden Tag Stunden sitzen. Oder Pornosucht. Sicher fallen euch noch andere Dinge ein, die die Macht eines Abgottes, eines Dämons im Leben von Menschen bekommen können. Das können auch an sich gute Dinge sein, die bei einzelnen die Macht haben, sie von Jesus und der Gemeinde wegzuziehen.

Ich glaube die Kernhandlung ist die – wir kennen dieses Bild alle, aber es hilft nichts, wenn es nur ein Bild ist – die Grundtat, der Anfang ist, dass man sich selbst vom Thron seines Lebens herunter nimmt und Jesus darauf setzt. Jesus will uns befreien zum „Werk“ unsers Glaubens, zu einem sichtbaren, tätigen Glauben. Das erzählt man sich von den Christen in Saloniki.

Und von ihrer Arbeit, man kann auch übersetzen von ihrer Plackerei, der Last ihrer Liebe hört man. Das klingt sehr nach einem opfervollen, nicht leichten Einsatz für andere Menschen. Die Beziehung zu Gott  und  die Beziehungen zu Menschen sind neu geworden! Was sind es für Menschen, die heute unsere Arbeit der Liebe brauchen?                          

Von einer Gemeinde mit Ausstrahlung wissen die Leute: Die tun was für Menschen in Not!  Die lassen es sich echt was kosten! Wo die Liebe tot ist, gibt es keine Ausstrahlung. Wo Liebe lebt, wird Menschen in Not geholfen.

Und von ihrer Geduld in ihrer Hoffnung auf Jesus Christus schreibt Paulus. Auf Jesus zu warten und ihn noch nicht zu sehen, das ist einfach, wenn es einem gut geht und man nichts auszuhalten hat, keine Last trägt, bis er kommt. Wenn es einem schlecht geht und man sich nach nichts so sehnt, dass Jesus kommt, dann ist Geduld die Königsdisziplin. Ausharren im Glauben. Ausharren im Gehorsam. Treu zu bleiben. Und die Christen in Saloniki hatten etwas auszuhalten. Sie lebten mit starken Widerständen seitens der Juden. Paulus und seine Mitarbeiter hatten vor kurzem die Stadt verlassen müssen, weil sie um ihr Leben fürchteten.

Wenn man engagiert ist in dieser Welt und sich von ihren Krankheit und ihrer Not berühren lässt, es an sich heranlässt, wenn man angesichts des Leides und der eigenen Arbeit betet „dein Reich komme!“ dann braucht man Geduld, Langmut, um nicht aufzugeben und am Ende gar nichts mehr zu tun und zu glauben.

Bei einer Gemeinde mit Ausstrahlung sieht man (1) das Werk ihres Glaubens, (2) die Arbeit ihrer Liebe und (3) ihre Geduld in ihrer Hoffnung auf Jesus Christus. Und zuletzt:

(3.) Eine Gemeinde mit Ausstrahlung ist ein Vorbild für andere.

Paulus und seine Mitarbeiter waren den Christen in Saloniki Vorbilder im Glauben. „Ihr wisst ja, wie wir unter euch gewirkt haben!“ erinnert er sie hier. Und sie wurden ihre Nachfolger. Besser übersetzt wäre hier „ihre Nachahmer“. Hier steht im Griechischen nicht das Wort, dass sonst für Nachfolge gebraucht wird. Die Christen sehen, wie Paulus und sein Team ihr Leben mit ihnen teilen, für jeden Einzelnen dankbar sind, wie sie beten, wie sie von Jesus reden, was ihnen Jesus in ihrem Leben kosten durfte, was sie alles aufgegeben haben. Das steckt an. Wie ein ansteckende Gesundheit. Nichts anderes ist Mission: Sein Leben mit anderen teilen. Das hat sie angesteckt. Die wurden Nachahmer von Paulus so wie er ein Nachahmer Jesu geworden ist. Und jetzt steht die ganze Gemeinde in Saloniki als Vorbild da für viele andere Gemeinden in Griechenland.

Neben ihrem Glauben, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung weiß Paulus noch, dass sie in ihrer ganzen Provinz und darüber hinaus Jesus bekennen, ihn verkündigen, das Wort des Evangeliums weitertragen. Sie waren eine verkündigende Gemeinde. Das waren keine Pastoren oder Evangelisten, die anderen von ihrem Glauben erzählten und sie zum Glauben einluden, das war die ganze Gemeinde. Früher sagte man „Jeder Baptist ein Missionar“. Vielleicht sind deshalb die Baptistengemeinden im 19. und 20. Jhdt. in Deutschland so groß geworden.

Kann Saloniki auch für uns ein Vorbild sein? Kann Kassel-Möncheberg irgendetwas lernen, von etwas angesteckt werden, was in Saloniki gelebt hat? Mich lässt Saloniki träumen von einer lebendigen, einer vom Geist Gottes gestalteten Gemeinde. Ich glaube, man kann es wollen und daran arbeiten, dafür beten, eine Gemeinde mit Ausstrahlung zu sein.

Wir sind aktuell keine 240 Mitglieder mehr. Aber wir sind immer noch zu groß, als dass jeder jeden kennen und für ihn beten kann. Aber die Grundhaltung kann man einnehmen, jedem in der Gemeinde gegenüber: „Gott sei Dank für dich!“ Und füreinander beten, für die, die ich kenne, von denen ich etwas weiß.

Unsere Strahlkraft ist Jesus selbst. „Wer in ihm bleibt, der bringt viel Frucht.“ Wenn wir unsere Beziehung zu ihm lockern sind wir wie Glühbirnen, die man aus der Fassung gedreht hat. Er macht durch seinen Geist Glauben, die Liebe und die Hoffnung in uns stark.

Amen.

 
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