Jesaja 49, 1-6 Alles umsonst?

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
Predigt Pastor Norbert Giebel, 9.9.2018

Jesaja 49, 1-6 „Alles umsonst?“

Liebe Gemeinde,

kennt ihr das, das Gefühl, umsonst zu arbeiten? Kennt ihr das Gefühl, alles zu geben, und nichts zu bewirken? In der Bibel erzählt jemand, dass es ihm so ging. Er ist von Gott berufen. Keine Frage. Mutig ergreift er das Wort. Gott hat ihn begabt für seine Aufgabe. Keine Frage. Er ist treu in dem, was er tut, aber er wird nicht gehört. Der sichtbare Erfolg bleibt aus. Er gibt alles, es verzehrt ihn, aber er das Gefühl: Es ist alles umsonst.

Ich lese Jesaja 49,1-6

1 Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. 2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. 3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott ist.
5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, - darum bin ich vor dem HERRN wert geachtet, und mein Gott ist meine Stärke -, 6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.

Hier redet einer von sich selbst. Er erzählt von einem Dialog mit Gott. Trotzdem ist es kein Selbstgespräch. Alles andere als das. Alle Welt soll es hören. Jesaja spricht. Aus Babylon. Israel ist verschleppt worden. Das Volk ist verzagt und findet keinen Mut. Jesaja will die Menschen ermutigen. Er sagt ihnen einen neuen Anfang zu, den Gott ihnen schenken will. Sie aber glauben ihm nicht. Und jetzt spricht er nicht mehr nur zu seinem Volk. Alle Inseln sollen hören. Er sagt gleich selbst, was damit gemeint ist: Alle Völker in der Ferne sollen hören, was er jetzt zu sagen hat. Was er jetzt sagt, das geht alle Völker an, das ist Gottes Botschaft an die ganze Welt!

Zuerst erzählt er von sich selbst: Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an. Ehe ich geboren wurde, hat er mich bei meinem Namen genannt. Gott wollte etwas mit meinem Leben, Gott hatte einen Plan mit mir. Von Gott mit Namen gerufen werden bedeutet, von ihm erwählt zu sein. Jeder, den er mit Namen ruft, ist erwählt, Gottes Heil geschenkt zu bekommen. Der Name steht für die unverwechselbare Person. „Du bist mein. Ich habe dich beim Namen gerufen. Dich habe ich erwählt. Mit dir habe ich etwas vor in deinem Leben.“

Wen Gott beruft, den begabt er auch. Jesaja sagt, Gott habe seinen Mund scharf wie ein Schwert gemacht. Gott selbst habe ihn geformt wie einen spitzen Pfeil und ihn in seinen Köcher getan. Das Wort Jesajas sollte treffen, kraftvoll sein. Wenn Gott ihn abschießt sozusagen, ihn aus seinem Köcher holt und auf seinen Bogen legt, dann würde er auch ins Schwarze treffen. Wie ein spitzer Pfeil.

Auch der Auftrag war klar: Er sollte Jakob, was nur eine andere Bezeichnung für Israel ist, er sollte Gottes Volk sammeln und zu Gott zurückrufen. Jesaja ist berufen, er ist begabt, er hat einen klaren Auftrag, und Gott bewahrt ihn. Gott ist mit ihm, über ihm, er schützt ihn mit dem Schatten seiner rechten Hand, sagt Jesaja. Ein „mitgehender Schatten“ ist Gold wert in der glühenden Sonne, die auf das Leben eines Menschen strahlen kann.

Wie Gott an Jesaja gehandelt hat, so handelt er an allen Menschen, denen er sein Heil schenken will. Nicht die Menschen sind zuerst aktiv, sondern Gott selbst. Er sieht uns schon und liebt uns schon, bevor wir geboren wurden. Wie Eltern vielleicht zu ihren Kindern sagen, „aus der oder dem wird einmal etwas“, so hat Gott einen Plan für Menschen, die geboren werden. Kein Plan, in dem alles schon festgelegt ist! Da ist ganz viel Freiheit, Entscheidungsfreiheit für uns. Es sind wirklich wir, die unser Leben gestalten und in vielem entscheiden.

Aber Gott legt eine Berufung in unser Leben! Jesaja sagt es so: Er will durch uns seine Herrlichkeit zeigen! Die Herrlichkeit Gottes, das ist seine Macht, seine Lichtkraft könnte man übersetzen, seine Ausstrahlung. Ich denke, man kann auch sagen, Gott will sein Herz zeigen durch Menschen, die er beruft! Gott will sich selbst zeigen durch Menschen, die er beruft.

Die Lehre von Gottes Erwählung erinnert uns daran, dass nicht wir es sind, die Gott gefunden haben, sondern er hat uns gefunden und er hat uns beim Namen gerufen. Niemand kann sich auf die Schulter klopfen und sagen „Ich habe Gott gefunden“. Jeder Einzelne kann es nur bekennen und dankbar zu Gott aufschauen und ihn loben: „Er hat mich gefunden!“

Und wen Gott ruft, den beauftragt er auch. Egal, was es im Einzelnen ist. Man kann alles unter dieser Überschrift zusammenfassen: Wir sind gerufen, dass Gott seine Herrlichkeit durch uns zeigt! Gott will seine Heiligkeit, seine Liebe, seine Barmherzigkeit durch seine Menschen zeigen. Uns hat er uns beim Namen gerufen. Wir sind erwählt und beauftragt. Und wen Gott beauftragt, den begabt er auch. Wir sollen wie spitze Pfeile in seinem Köcher sein, und wenn er uns auf seinen Bogen legt und in diese Welt schießt, dann sollen wir ins Schwarze treffen. Und wir stehen unter seinem Schutz. Er geht mit uns. Jeden Tag. Bis an der Welt Ende. Wir leben im Schutz seiner rechten Hand. Wir können uns in eine Reihe mit dem Propheten stellen.

So weit so gut. Jesaja aber hat das Gefühl: Es ist alles umsonst. Es führt zu nichts. Das gibt es also auch. Vielleicht gehört das auch sogar zu den ganz allgemeinen Erfahrungen von Menschen, die Gott dienen, dass sie immer wieder einmal oder auch über längere Zeit den Erfolg nicht sehen. Andere Propheten haben es ähnlich erlebt, dass ihr Wort nichts zählte, dass sie gepredigt haben und das Volk nicht hören wollte. Es ist schon fast ein durchgängiges Motiv im Alten Testament, dass Propheten leiden für ihre Botschaft.

Jesus ging es nicht anders und auch Paulus schreibt von vielen Widerständen und Anfeindungen auch von anderen Christen, aus den Gemeinden heraus. Einmal schreibt er darum: „Wir haben diesen Schatz, wir haben das Evangelium, in irdenen Gefäßen, in zerbrechlichen Gefäßen.“ (vgl. 2. Kor 4,7) Anfechtungen gehören wohl auch zur Nachfolge Christi dazu!

Der Prophet redet also von sich selbst. So sieht es aus. Dann aber gibt es Formulierungen, mit denen er doch aber kaum sich selbst gemeint haben kann. „Ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ So endet unser Text. Redet er wirklich von sich? 

Vers 7 geht es dann weiter:  
So spricht der HERR, der Erlöser Israels, sein Heiliger, zu dem, der verachtet ist von den Menschen und verabscheut vom Volk (...): Könige sollen sehen und aufstehen, und Fürsten sollen niederfallen um des HERRN willen, der treu ist, um des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.

Weiter ab Vers 8: 
So spricht der HERR: Ich habe dich erhört zur Zeit der Gnade und habe dir am Tage des Heils geholfen und habe dich bereitet und zum Bund (!) für das Volk bestellt, (...) zu sagen den Gefangenen: Geht heraus!, und zu denen in der Finsternis: Kommt hervor! (...) . ihr Erbarmer wird sie führen und sie an die Wasserquellen leiten. Ich will alle meine Berge zum ebenen Wege machen, und meine Pfade sollen gebahnt sein.

Kann sich der Prophet damit selber meinen, dass er vom Volk verabscheut wird, dass die Herrscher der Welt wegen ihm vor Gott auf die Knie gehen werden, dass Gott ihn zum Bund für das Volk bestellen wird, zu einem neuen Bund also, dass er die Gefangenen befreit und Menschen aus der Finsternis holt, dass Gott in ihm alle Berge erniedrigt und den Weg zu sich frei macht?

Was ich uns bisher nicht gesagt habe: Unser Text ist ein Lied. Ein prophetisches Lied. Eins von mehreren im Jesajabuch. Es ist eines der Lieder vom Knecht Gottes. Und viele Forscher fragen: Wen meint Jesaja mit diesem Gottesknecht? Meint er wirklich sich selbst? Denkt er an einen neuen Herrscher, einen neuen König Israels? Oder meint er Kyros, den König der Perser, der den Juden ja bald wieder erlaubt, in ihre Heimat zurückzukehren? Redet er von einer Gestalt in der Zukunft? Oder ist das ganze Volk Israel gemeint? ... Gerade in unserem Kapitel redet er einmal vom Knecht Israel.

Wenn es Gottes Wort an die Inseln, an alle fernen Völker, an die ganze Welt ist, dann muss man doch wissen, wer dieser Knecht ist! Wer ist das Licht der Heiden, der Gottes Heil in alle Welt bringen wird?! (V6)

Das bekannteste Gottesknechtslied finden wir in Kapitel 53:

1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, (...) 2 Er schoss auf vor ihm (...) wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.   Er hatte keine Gestalt und Hoheit. (...) 3 Er war der Allerverachtetste (...), voller Schmerzen und Krankheit. (...). 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.  Wir aber hielten ihn für den, der von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 8 (...) Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, (...) 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, obwohl er niemand Unrecht getan hat (...). 10 (...) Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch ihn gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte,  den Vielen Gerechtigkeit schaffen;  denn er trägt ihre Sünden.

Für die ersten Christen und Christen bis heute ist es klar: Jesaja hat in seinen prophetischen Liedern von Jesus gesungen. Jesus Christus ist gemeint. In ihm werden diese Verheißungen erfüllt. Ob Jesaja das selber wusste, das weiß ich nicht. Das glaube ich eher nicht. Ich stelle es mir so vor, dass Jesaja seine Prophetien treu weitergibt und von einem von Gott versprochenen Knecht singt, der kommen wird, ohne dass er selbst in die Zukunft sehen konnte. Prophetie ist keine Wahrsagerei. Prophetie ist auch keine Photographie. Prophetie ist sagen, was man von Gott weiß, was Gott einem gezeigt hat. Das tut Jesaja. Und er selber leidet vielleicht auch darunter, dass er noch nichts davon sieht.

Lukas, ein Mitarbeiter von Paulus, er hat die Apostelgeschichte geschrieben. Da berichtet er von einem reichen Mann aus Äthiopien, der in Jerusalem war und auf dem Rückweg den Propheten Jesaja las. (Apg 8, 26-40) Er hatte die Schriftrolle ab Jesaja Kapitel 40 erworben und las nun gerade Jesaja 53 und dieser äthiopischen Finanzmann fragte sich: „Von wem redet der Prophet? Meint er sich selbst? Meint er das Volk Israel? Redet er von sich selbst oder redet er von einem anderen Mann?“ Am Wegesrand steht Philippus, ein Christ. Er steigt mit in die Kutsche. Der Afrikaner fragt ihn, wer dieser Knecht sei. Und Philippus kann ihm von Jesus erzählen. Der Gottesknecht bei Jesaja ist eine Prophetie auf Jesus in!

Jesus ist der eine Knecht, den Gott erwählt hat, um sich selbst in ihm zu zeigen, der das Licht der Heiden werden soll, durch den Gott sein Heil in alle Welt bringt, der für die Missetaten aller Menschen stirbt, mit den Gottlosen begraben wird, dann aber viele Nachfolger und das Leben in der Fülle haben wird.

Das wird für dich interessant sein, O.S. Du hast ja heute von dir erzählt und möchtest dich taufen lassen. Philippus muss dem reichen Afrikaner auch die Taufe erklärt haben. Mit der Taufe wird man ein Teil von Jesus, bekommt Anteil an dem, was Gott uns schenken will. Die Kutsche kommt an einem See vorbei und der Kämmerer fragt den Christen: „Siehe, da ist Wasser! Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?“Wenn du von ganzem Herzen Gott glaubst, kannst du getauft werden!“ sagt Philippus. „Ich glaube, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist!“ bekennt der Afrikaner. Dann steigen sie aus, gehen ins Wasser und der Äthiopier wird getauft. Da hat die Taufe ihren Platz, in der Anfangszeit des Glaubens, wenn jemand gespürt hat „Gott hat mich beim Namen gerufen!“ Dann gibt es keinen Hinderungsgrund mehr, nichts was jemanden hindern sollte, sich sofort taufen zu lassen.

Jesus ist der spitze Pfeil, der ins Schwarze trifft. Durch ihn wird Gottes Plan erfüllt. Er selbst hat sich das Licht der Welt genannt. (Joh. 8,12) „Hört her, ihr Inseln, ihr Völker in der Ferne. Das ist Gottes Wort an euch alle!“ (V1) Darum geht es: Die Welt soll erfahren, wer das Licht der Welt ist, wer den Weg frei macht, in wem Gott einen neuen Bund mit sich selbst anbietet.

Und seine Jünger bezieht Jesus in einen Auftrag mit ein: „Ihr seid das Licht der Welt!“ sagt er zu ihnen. (Mat 5,14) Als Paulus und Barnabas vor Heiden predigen, begründen sie das mit Jesaja 49 und zitieren: „Wir wenden uns auch zu den Heiden denn so hat es der Herr geboten: ‚Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, damit du das Heil seist bis an die Enden der Erde!“ (Apg 13,47)

Dass ist auch noch eine Variante, wer der Knecht Gottes bei Jesaja ist: Du bist es! Wir sind es! Du bist von Gott erwählt. Dich hat er deinem Namen gerufen, du bist sein. Dir hat er den Auftrag gegeben, ihn zu bekennen, ihn in dieser Welt bekannt zu machen. Du bist von ihm bevollmächtigt! Du redest in seinem Namen. Du sollst es den entferntesten Menschen weitersagen. Du bist ein spitzer Pfeil in seinem Köcher.

Alles umsonst? Was denkst du eigentlich von Dir? Was hast du für ein Bild von Dir? Bist du verzagt? Kommst dir klein vor? Hältst du dein Leben für verkorkst? Nein! Du bist nicht stumpf. Du bist vielleicht wie ein zerbrechlicher Krug, in dem der Schatz verborgen ist. Aber nur, damit die überschwängliche Kraft nicht von dir selbst kommt, sondern von Gott, der in dir ist. (2. Kor 4, 7-8) Dein Gott ist deine Stärke, wie Jesaja hier in Vers 5 scheibt. Gott will dich gebrauchen. Du bist scharf wie ein Schwert, das Gott geschmiedet hat. Weil Gott selbst deine Kraft ist!!

Wer also ist der Knecht? Jesus sagt „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis leben!“ Und er sagt: „Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten!“ (Matth 5, 14-15) Unverzagt! Denn unsere Arbeit ist nicht vergeblich!

Amen.

 
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