Lukas 2, 25-38 Mit Simeon und Hanna Advent feiern

mp3Predigt zum Anhören

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Pastor Norbert Giebel, 2. Advent, 09.12.2018

Lukas 2, 25-38: Mit Simeon und Hanna Advent feiern

Liebe Gemeinde,

heute geht es zwei Senioren, zwei Hochbetagte. Aber das wird keine Seniorenpredigt, sondern jeder von uns wird durch diese beiden Impulse bekommen, wie wir Advent feiern können:

25 Damals lebte in Jerusalem ein Mann namens Simeon. Er war fromm, hielt sich treu an Gottes Gesetz und wartete auf die Rettung Israels. Er war vom Geist Gottes erfüllt, 26 und der hatte ihm die Gewissheit gegeben, er werde nicht sterben, bevor er den von Gott versprochenen Retter mit eigenen Augen gesehen habe. 27 Simeon folgte einer Eingebung des Heiligen Geistes und ging in den Tempel. Als die Eltern das Kind Jesus dorthin brachten und es Gott weihen wollten, wie es nach dem Gesetz üblich war, 28 nahm Simeon das Kind auf die Arme, pries Gott und sagte:
29 »Herr, nun kann ich in Frieden sterben, denn du hast dein Versprechen eingelöst! 30-31 Mit eigenen Augen habe ich es gesehen: Du hast dein rettendes Werk begonnen, und alle Welt wird es erfahren. 32 Allen Völkern sendest du das Licht, und dein Volk Israel bringst du zu Ehren.«
33 Der Vater von Jesus und seine Mutter wunderten sich über das, was Simeon von dem Kind sagte. 34-35 Simeon segnete sie und sagte zur Mutter Maria: »Dieses Kind ist von Gott dazu bestimmt, viele in Israel zu Fall zu bringen und viele aufzurichten. Es wird ein Zeichen Gottes sein, gegen das sich viele auflehnen werden. So sollen ihre innersten Gedanken an den Tag kommen. Du aber wirst um dieses Kind viele Schmerzen leiden müssen; wie ein scharfes Schwert werden sie dir ins Herz schneiden.«
36 In Jerusalem lebte auch eine Prophetin* namens Hanna, eine Tochter Penuëls aus dem Stamm Ascher. Sie war schon sehr alt. Sieben Jahre war sie verheiratet gewesen, 37 und seit vierundachtzig Jahren war sie Witwe. Sie verließ den Tempel nicht mehr und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 38 Auch sie kam jetzt hinzu und pries Gott. Sie sprach über das Kind zu allen, die auf die Rettung Jerusalems warteten.

Zwei Alte also. Simeon wird zuerst genannt, dann Hanna. Beide sind verschieden, aber sie haben Wesentliches gemeinsam. Beide sind Beter. Sie verbringen viel Zeit mit Gott. Vermutlich haben sie vor allem die Psalmen gebetet. Das Gebetsbuch der Juden. Aber sie haben auch ihre Nöte, ihre Sehnsüchte, ihr Leben, ihr Volk zu Gott gebracht. Und beide haben hören gelernt beim Beten. Ihr Beten hat sie verändert. Sie haben auf Impulse geachtet. Sie haben auf ihre Gefühle, Eindrücke, auf innere Regungen geachtet, und sie haben sie unterscheiden gelernt. Sie konnten Gottes Stimme darin hören.

Und beide waren alte Menschen voller Erwartung! Sie hatten ein Leben hinter sich. Aber sie haben nach vorne geschaut. Sie waren voller Sehnsucht, ihre Zukunft betreffend. Sie beteten für die Zukunft Israels. Advent, das war ihre Lebenshaltung. Ihr Leben, ihr Alltag wurde dadurch geprägt, dass sie betend voller Erwartung in die Zukunft gesehen haben.

Man kann sich wundern: Warum noch so viel beten, wenn sie doch so alt sind, gar nichts mehr davon haben? Für Simeon und Hanna eine undenkbare Fragestellung. Gott war ihr Herr! Was gab es Schöneres, Wichtigeres, als mit ihm Zeit zu verbringen, ihn anzubeten, das Leben heute und die Zukunft vor ihm auszubreiten? Simeon und Hanna haben nicht Zeit mit Gott, weil es ihnen etwas bringt, sondern weil Gott es ihnen wert ist! Und das Beten hat sie verändert: Sie haben Gott hören gelernt, sich von ihm leiten gelernt und sie sind hoffnungsvolle Menschen geworden. Gott verändert Menschen im Gebet. Treue Beter werden andere Menschen.

Ich denke, es gibt viele 40, 50, 60-jährige, die mindestens im Glauben viel älter sind als Hanna und Simeon. Weil sie nicht mehr beten und darum auch nichts mehr erwarten. Ihr Leben ist schon fertig. Alles festgezurrt. – Simeon und Hanna sitzen noch lange nicht in dem Film „Das war ihr Leben“. Sie leben in der Erwartung darauf, was Gott schenken wird.

Von Hanna erfahren wir mehr als von Simeon. Hanna war Witwe. Nicht erst seit Kurzem. Sieben Jahre nur war sie verheiratet. Mädchen wurden damals früh verheiratet. Angenommen, sie war 17 Jahre alt bei der Heirat, das war schon eher alt für damalige Verhältnisse. 17 Jahre alt plus 7 Jahre Ehe: Dann wäre sie 24 gewesen, als sie Witwe wurde.

Witwen gehörten damals zu den sozialen Verlierern. Angewiesen auf die Gaben und Spenden anderer. Dazu die Trauer über den Verlust, bei Hanna die Trauer über ein Leben, das so anders hätte verlaufen können. Dennoch ist Hanna keine verkrümmte, keine in sich verkrümmte Frau geworden. Offensichtlich haben der Verlust und die Trauer ihre Beziehung und ihre Hingabe an Gott nur vertieft.

Vielleicht mit 24 Jahren Witwe. Jetzt 84 Jahre alt. Alle Ausleger nehmen an, dass sie gleich nach dem Tod ihres Mannes ihren Dienst im Tempel aufgenommen hat. Dann hat sie jetzt 60 Jahre lang Gott im Tempel gedient und gebetet. Das wäre die längste Zeit ihres Lebens.

Menschen wie Hanna haben den Tempel zu einem echten Gebetshaus gemacht. Gut 30 Jahre später wird Jesus es sagen: „Mein Haus soll ein Gebetshaus sein!“ Ich glaube, Gebetshäuser sind heute eine absolute Mangelware. Die Finanzen müssen stimmen. Das Programm muss laufen. Erst wenn man in Not kommt, fängt man an zu beten. Die meisten Menschen beten, wenn es ihnen etwas bringt. Die beiden Alten da im Tempel beten, weil es Gott ihnen wert ist.

Vielleicht gab es Menschen, die sich über Hanna wunderten: „Mit 84 Jahren kannst du auch zuhause bleiben.“ Für Hanna aber war es ihr Lebensauftrag, ihre Erfüllung, ganz für den Herrn da zu sein. Sie wollte keinen „geistlichen Ruhestand“. (Wie viele ältere Menschen gehen in einen geistlichen Ruhestand. Haus, Garten und Reisen, das ist dann ihr Himmelreich. – Wie anders hat Hanna ihre Lebensschwerpunkte gesetzt.)

Noch etwas erfahren wir: Hanna war eine Prophetin. Sie hat nicht nur auf Gott hören gelernt, sie hat auch von ihm reden gelernt. Menschen kamen zu ihr mit ihren Fragen, mit Nöten: „Wo ist Gott in meinem Leben? Was will Gott von mir? Wie solle es weitergehen?“ Und oft hat Gott ihr ein Wort für solche Menschen gegeben. Vielleicht hat sie auch zu Gruppen geredet oder ein Wort an das ganze Volk gehabt. Das wissen wir nicht. Prophet aber ist ein Titel. Ein Prophet redet von Gott her in Situationen von Menschen oder Völkern hinein. So eine war Hanna. Propheten sehen mehr als andere. Und sie reden von dem, was sie in Gottes Nähe gehört haben. Nur wer hören kann, kann auch von Gott reden lernen.

Bei Simeon unterstreicht Lukas, dass er vom Geist Gottes erfüllt war. Er hat besonders fein Impulse des Geistes wahrgenommen. Er war fest im Glauben und fest in den heiligen Schriften. Bei ihm wird unterstrichen, dass er sich genau an das Gesetz Gottes hielt. Simeon ist ständig auf Empfang. Ständig vor Gott. Am Hören. Wie ein Handy, das den ganzen Tag erreichbar ist. Ohne lautes Klingeln, sondern auf Vibrationsalarm. Andere hören es nicht. Bei Simeon aber vibriert es sofort, wenn Gott ihm etwas zu sagen hat, wenn Gott ihn führen will.

Simeon hat einmal von Gott ein besonderes Wort für sich selbst bekommen: Er wird nicht sterben, bevor er nicht den von Gott versprochenen Retter Israels mit eigenen Augen sehen wird! Das war seine besondere Erwartung. Das hat ihn angetrieben. Jeden Tag vielleicht war er aufmerksam und hat geguckt, ob er schon etwas von dem Messias sehen könnte.

Das ist ganz natürlich, dass man im Alter noch Träume hat, irgendetwas, was man auf jeden Fall noch erleben will. Einmal nach Rom. Einmal nach Jerusalem. Sehen, wie die Enkel erwachsen werden. Und dann sterben. Das wäre okay. – Das aber hat Simeon mit Hanna gemeinsam: Sein Leben, seine Sehnsucht, seine letzten Jahre hier sollen ganz Gott gehören.

Auch Simeon war hochbetagt. Vielleicht hatte er seinen baldigen Tod vor Augen. Sonst würde es wenig Sinn machen, dass er später sagt: „Jetzt kann ich in Frieden sterben. Ich habe meinen Heiland gesehen!“

Simeon nimmt Impulse des Geistes Gottes wahr. So auch an diesem Morgen. Vielleicht hat er sein Morgengebet zuhause gesprochen. Da bekommt er den Impuls: „Geh in den Tempel“. Anders als Hanna, war Simeon scheinbar nicht jeden Tag im Tempel. Aber jetzt weiß er: Gottes Geist führt ihn dorthin. Es ist genau die Zeit, in der Maria und Josef Jesus in den Tempel bringen, als Simeon dazu kommt. So präzise kann der Heilige Geist führen. Ein paar Minuten vorher oder nachher, und er hätte sie verpasst.

Maria und Josef bringen ihren Erstgeborenen in den Tempel. Eine Frau galt 40 Tage lang nach einer Geburt als unrein und durfte den Tempel nicht betreten. Jesus war also 6 oder 7 Wochen alt. Nach dem Gesetz gehört der Erstgeborene Gott und musste durch ein Opfer ausgelöst werden. Ein Schaf sollte ersatzweise geopfert werden. Ärmere Leute, die kein Geld für ein Schaf hatten, konnten auch zwei Tauben opfern. Maria und Josef haben zwei Tauben dabei, wie Lukas vor unserem Predigttext berichtet hat.

Eine Kleinstfamilie aus Nazareth im Tempel. Gott aber schenkt dem Simeon jetzt die Gewissheit: „Dieses Kind ist es! Das ist der Erlöser Israels! Er ist der Messias. Auf ihn hast du gewartet!“ Simeon nimmt Jesus auf den Arm und jetzt redet er auch prophetisch: „29 »Herr, nun kann ich in Frieden sterben, denn du hast dein Versprechen eingelöst! 30-31 Mit eigenen Augen habe ich es gesehen: Du hast dein rettendes Werk begonnen, und alle Welt wird es erfahren. 32 Allen Völkern sendest du das Licht, und dein Volk Israel bringst du zu Ehren

Maria und Josef wundern sich über diesen alten Mann. Was er sagt ist ein prophetisches Loblied. Ein Lobpreis. Gott hat sein Versprechen eingelöst. In diesem Kind beginnt Gottes Rettung der ganzen Welt! Alle Völker werden das Licht Gottes in ihm sehen. Er wird die Ehre des Volkes Israel sein.

Aber dann sagt Simeon Maria ein ernstes Wort. Gott wird durch dieses Kind sein Licht in alle Welt bringen. Aber viele werden ihn ablehnen. Viele in Israel werden durch ihn zu Fall kommen. Gott wird ein Zeichen aufrichten mit diesem Kind, und viele werden sich dagegen auflehnen. Und du, Maria, wirst viele Schmerzen leiden müssen und es wird für dich sein wie ein scharfes Schwert, das dir ins Herz schneidet.

Was für eine Prophetie! Wie froh und wie schwer! Simeon wird nicht verstanden haben, was das alles bedeutete, was er hier zu sagen hatte. Maria wird vorbereitet. Sie hat den Messias bei sich, Gottes Sohn. Und dennoch wird ihr Leben nicht königlich sein, alles leicht, alles gut, alles schön. Der Messias wird leiden und sie wird mit ihm leiden. (Vgl: Joh. 1,11 „Er kam in sein Heiligtum und die Seinen nahmen ihn nicht auf!“ )

Jetzt kommt auch Hanna hinzu und sie bestätigt das Wort Simeons und dann wird sie zur ersten Predigerin der großen Wende Gottes: Das Reich Gottes ist nahe! Gott hat seinen Retter auf die Welt geschickt. Nicht nur Israel, alle Völker werden es sehen. Hanna hat nicht nur hören, sondern auch reden gelernt. Was das Reden anbelangt bleibt Simeon scheinbar in der zweiten Reihe. Die erste Predigerin im Neuen Testament ist eine Frau.

Zwei Senioren also. Und dennoch ist es keine Predigt nur für Alte. Advent ist eine Lebenshaltung bei Simeon und Hanna. Hoffnungsvoll leben, nach vorne sehen, mit Gott rechnen. Drei Hilfen haben die beiden, um so Advent zu leben.

-        Ihre Zeiten mit Gott, ihr Beten, das war ihr Hörgerät. Zeit mit Gott zu haben, nicht weil man etwas will, sondern weil man bei ihm sein will, weil er es wert ist.

-        Die Erwartung, dass Gott handelt, das war ihre Gehhilfe. Gott nicht aus seinem Versprechen heraus zu lassen. Weitergehen, denn er wird handeln.

-        Und den Herrn gesehen zu haben, das war ihre Sehhilfe. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ „Ich habe meinen Heiland gesehen!“ So kann man getrost leben und getrost sterben.

Amen.

 
Zum Anfang