Lukas 1, 18-25 u.a. Josef von Nazareth - Statist oder Star?

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Norbert Giebel, Predigt zum Christfest 25.12.2018

Matthäus 1, 18-25 (u.a.)
Josef – Statist oder heimlicher Star?

Liebe Gemeinde am Christfest,

Josef. Was für eine Rolle spielt Josef, der Vater von Jesus, wenn man das so sagen darf? Ist er nur ein Statist in der Weihnachtsgeschichte, oder ist er ein Star? Auf Bildern steht er meistens am Rand, wenn er überhaupt vorkommt. Seine Rolle Jesus gegenüber wird möglichst niedrig gehalten. Meist wird er als alter Mann dargestellt. Eher ein Opa als ein Bräutigam.Als Krippenfigur wird Josef gerne eine Lampe in die Hand gegeben, damit er überhaupt eine sinnvolle Aufgabe hat und nicht nur Zuschauer ist. Oft hält Josef als Krippenfigur eine Lampe in der Hand, um überhaupt eine sinnvolle Aufgabe zu haben und nicht nur Zuschauer zu sein.

¯Information: Josef wird als alter Mann dargestellt, weil man in der katholischen Kirche annimmt, dass er Witwer war und vier Jungen und mehrere Schwestern mit in die Ehe mit Maria brachte. Die Geschwister Jesu seien nicht von Josef und Maria gezeugt. Heiligenlexikon.de: „Das Matthäusevangelium (13,55) nennt namentlich vier Brüder Jesu: Jakobus, Joseph, Simon, und Judas, dazu mehrere Schwestern. Schon bei den frühen Kirchenvätern des Ostens (Ende 2. Jahrhundert) gelten diese als Söhne Josephs aus einer ersten Ehe. Die Westkirche ging zunächst davon aus, die Geschwister Jesu seien nach dessen jungfräulicher Geburt von Maria und Joseph gezeugt worden. Das spätere Dogma der immer-währenden Jungfernschaft Mariens ließ sie - erstmals bei Hieronymus (Anfang 5. Jahrhundert) - zu Vettern Jesu werden, Joseph wäre also ihr Onkel gewesen.“

Was wissen wir von diesem Josef von Nazareth? Und: ist er nur ein Statist oder ist er doch ein Star? Er war Bauhandwerker. Er hat Häuser gebaut. Als Jesus im Land umherreist und predigt, fragen die Bewohner von Nazareth später: „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns?“ (Matth 13,55) Zimmermann ist eine Übersetzung aus dem Mittelalter. Fast alle Häuser wurden als Fachwerkhäuser gebaut. So stellt man sich vor, dass wohl auch Josef mit Holz und schweren Balken gearbeitet hat. Die Häuser damals aber wurden eher aus Lehm und Stein gebaut.

Josef war Handwerker und das Handwerk hat ihn nicht reich gemacht. Als Jesus einige Wochen alt ist, gehen er und Maria mit dem Kind zum Tempel, um das Opfer für ihren Erstgeborenen zubringen. Dazu vorgeschrieben war ein Lamm. Nur Eltern, die arm waren und sich kein Lamm leisten konnten, durften Ersatzweise zwei Tauben opfern. So wie Josef und Maria es getan haben. (Lukas 2,24; 3. Mose 12,8). Später sagt Jesus von sich selbst: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Matth 8,20) Auch das spricht nicht für ein wohlhabendes Elternhaus.

Und Josef war adelig. Er konnte seinen Stammbaum bis auf David zurückverfolgen (Luk 1,27), dem ersten und letzten König über ganz Israel. Bis Abraham sogar geht sein Stammbaum zurück (Matth 1, 2-16). Seine Wurzeln hatte er in Bethlehem. Nicht weit weg von Jerusalem. Jetzt lebte und arbeitete er 200 km nördlich in Nazareth.

Bis hierher alles nichts Besonderes. Josef, sage ich mal so, könnte jeder von uns sein. Ein völlig normaler Mann. Aber bei Matthäus finden wir gleich am Anfang von seinem Evangelium den Stammbaum von Josef. Und da lesen wir: „Abraham zeugte Isaak, Isaak zeugte Jakob“ und so weiter. „Isai zeugte den König David, David zeugte Salomo“ und so weiter. Und am Ende heißt es dann (Matth 1,15-16): „Eleaser zeugte Mattan. Mattan zeugte Jakob. Jakob zeugte Josef, den Mann von Maria. Sie wurde die Mutter von Jesus.“ Alle haben gezeugt, Josef aber hat Jesus nicht. Bis hierher alles ganz normal. Ein ganz normaler Mann. Aber diesen Mann erwählt Gott als ein großes Werkzeug in seiner Heilsgeschichte. Josef soll der rechtliche Vater und der soziale Vater des Sohnes Gottes werden!

Ich lese Matthäus 1, 18-25:

18 Dies ist die Geschichte der Geburt Jesu Christi: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt. Aber noch bevor die beiden geheiratet und Verkehr miteinander gehabt hatten, erwartete Maria ein Kind; sie war durch den Heiligen Geist schwanger geworden. 19 Josef, ihr Verlobter, war ein Mann mit aufrechter Gesinnung. Er nahm sich vor, die Verlobung aufzulösen, wollte es jedoch heimlich tun, um Maria nicht bloßzustellen. 20 Während er sich noch mit diesem Gedanken trug, erschien ihm im Traum ein Engel des Herrn und sagte zu ihm: »Josef, Sohn Davids, zögere nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen! Denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 21 Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von aller Schuld befreien.« 22 Das alles ist geschehen, weil sich erfüllen sollte, was der Herr durch den Propheten vorausgesagt hatte: 23 »Seht, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, und man wird ihm den Namen Immanuel geben.« (Immanuel bedeutet: »Gott ist mit uns«.) 24 Als Josef aufwachte, folgte er der Weisung, die ihm der Engel des Herrn gegeben hatte, und nahm Maria als seine Frau zu sich. 25 Er hatte jedoch keinen Verkehr mit ihr, bis sie einen Sohn geboren hatte. Josef gab ihm den Namen Jesus.

Zimmermann, arm, ein Nachkomme Davids: Das sind Äußerlichkeiten. Aber was hatte dieser Mann für ein Wesen? Was hatte er für einen Charakter? Josef war ein gerechter Mann, schreibt Matthäus. „Ein Mann aufrechter Gesinnung“ übersetzt die Neue Genfer Übersetzung zutreffend. Normalerweise bedeutet „gerecht“, dass sich jemand an das Gesetz hält und alle Gebote Gottes befolgt.

Solche gesetzlichen Menschen können auch sehr unbarmherzig mit anderen werden, die nicht alle Gebote halten so wie sie. Dann überheben sie sich, verurteilen andere, fallen aus der Liebe, werden unbarmherzig, freuen sich vielleicht sogar, wenn Ungerechte ihre gerechte Strafe bekommen. Bei Josef können wir lernen, gerecht sein bedeutet nicht nur, nach den Geboten Gottes leben, sondern nach dem Herzen Gottes zu leben. Und Gottes Herz ist barmherzig. Gott hört nicht auf, zu lieben und so einer ist Josef.

Als Maria ihm erzählt, dass sieschwanger ist, bricht für Josef eine Welt zusammen. Alles ist anders. Die Vorfreude auf die Hochzeit: zerstört. Sein Vertrauen zu ihr: zerstört. Josef ist tief enttäuscht, verletzt, traurig. Nach dem Gesetz, wäre er nur nach dem Gesetz gerecht, blieben ihm zwei Möglichkeiten: Er könnte Maria anzeigen. Das könnte ihren Tod durch Steinigung bedeuten. Oder er könnte ihr den Scheidebrief geben. Das würde sie ihr Leben lang brandmarken, Schande für sie bedeuten. Beides will Josef nicht! Er hat nicht aufgehört, Maria zu lieben. Er denkt für die, was für sie gut wäre. Und er plant, sie heimlich zu verlassen. Dann würde er alle Schande auf sich nehmen. Alle würden denken, es sei sein Kind. Maria würde die Schande erspart bleiben und er würde sozusagen ihre Schuld auf sich nehmen.

Wer von uns hätte eine solche Größe, das Beste zu suchen für jemanden, der einen so verletzt hat? Josef sinnt nicht auch Rache oder Vergeltung. Josef ist ein stiller Mann, im Neuen Testament wird kein einziges Wort von ihm überliefert, aber Josef ist ein großer Mann. Ein wahrhaft Gerechter!

Josef ist im Begriff, sich selbst zu opfern, seinen guten Ruf, sein Leben, seine Lebensperspektive in Nazareth, als ihn in ein Engel in Nacht aufklärt. Gott greift ein. Gott erwählt diesen Mann als Vater seines Sohnes. Der Engel erscheint ihm im Traum. Gott kann auf so viele Weisen reden. Josef ist offen dafür. Josef lässt sich von Gott etwas sagen. Der Engel sagt: „Josef, Sohn Davids, zögere nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen! Denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von aller Schuld befreien.“

Wer glaubt denn so was? Josef glaubt es! Er ist ja auch ein Nachkomme Abrahams. Abraham hat auch geglaubt, hat ohne Frage gehorcht, ist aufgestanden und hat getan, was Gott gesagt hat. So einer ist auch Josef. Josef zögert nicht. Er redet nicht. Er handelt. Er tut, was er gehört hat. Ich vermute, er wird sich auch gefreut haben. Er kann Maria nun doch heiraten. Sie hat die Wahrheit gesagt. Sie hatte keinen Verkehr mit jemand anderem. Josef nahm seine Frau zu sich. Er heiratete sie. Und sie hatten keinen Verkehr miteinander, bis das Kind geboren war.

Kaiser Augustus in Rom, Adoptivsohn des berühmten Kaisers Caesar, Augustus sorgt dann dafür, dass Josef mit Maria nach Bethlehem kommen. Alle im römischen Reich sollen gezählt und in Listen eingetragen werden, damit auch alle Steuern zahlen und man weiß, was der Kaiser an Steuern zu erwarten hatte. In Bethlehem wird Jesus geboren. In einem Stall. Vielleicht war es so eine Art Karawanserei. Ein Unterstand, ein Unterschlupf für Durchreisende. Dass es sonst keinen Platz in Bethlehem gab, davon weiß weder Matthäus noch Lukas etwas. Vielleicht war es normal für arme Leute oder Menschen, die mit Tieren unterwegs waren, an solchen „Raststationen“ zu übernachten. Als die Hirten kamen, erzählten, was ihnen der Engel gesagt hatte, „und alle, die dabei waren, staunten“ schreibt Lukas. Es waren also nicht nur Maria und Josef im Stall.

Josef spielt zunächst einmal wirklich eine Statistenrolle. Die Hirten kommen, drei Sterndeuter, drei Magier heißt es im Griechischen, drei Gelehrte kommen aus dem fernen Osten. Josef hat keinen Text. Er sagt kein Wort. Das Schweigen der Männer fällt nicht nur bei Josef immer wieder einmal auf. In der Nacht aber, und sogar die ganze Zeit seit dieser Nacht, spielt Josef eine Hauptrolle. Wieder spricht Gott durch einen Engel zu ihm. König Herodes von Jerusalem will alle Neugeborenen in Bethlehem umbringen, weil ihm gesagt wurde, dass dort in dieser Zeit ein neuer König geboren würde. In dieser Heiligen Nacht sagt der Engel Josef: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du zurückkommen kannst!“

Gott nimmt die Vaterschaft, die rechtliche Vaterschaft, und die Verantwortung Josef ernst. Und Josef nimmt es auch ernst. Er ist verantwortlich für seine Frau und dieses Kind. Und wieder verliert er kein Wort und handelt verantwortlich. Josef ist kein alter, kein schwacher Mann im Schlepptau von Maria. Mit ihm redet Gott. Josef nimmt Verantwortung und er führt. Ich stelle mir vor, er hat Maria geweckt. Leise vielleicht sogar. Die anderen in dieser Unterkunft mussten es ja nicht mitbekommen. Ich stelle mir vor, er hat nicht mit Maria diskutiert. Das Vertrauen zwischen beiden stimmte wieder. Gott hat gesprochen, und beide stehen auf, beide hören und beide gehen los.

Als Flüchtlinge leben sie eine Zeit lang in Ägypten, bis Herodes stirbt. Wieder spricht Gott durch in einem Traum durch einen Engel zu Josef: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und kehre nach Israel zurück!“ (Matth 2,20). Und was macht Josef? Er steht auf nimmt das Kind und seine Mutter und kehrt nach Israel zurück. Was hat Gott sich da für einen Vater für seinen Sohn ausgesucht! Ein Vater, der auf Gott hört. Ein Vater, der Gott vertraut. Ein Vater, der ohne Zögern Gott gehorcht. Ein Vater, der für seine Familie sorgt. Ein Vater, der für Gott absolut beweglich ist, der nicht festhält an Altem. Das Geschäft in Nazareth hatte er lange verlassen. Vielleicht hatte er sich in Ägypten auch wieder etwas aufgebaut. Egal: Gott zu gehorchen und für die Familie sorgen, das geht allemal vor!

Was hat Gott sich da für einen rechtlichen und sozialen Vater ausgesucht für den Messias! Wie sehr wird Josef Jesus geprägt haben? Von Maria und Josef hat Jesus sprechen gelernt. Von Josef wird Jesus lesen gelernt haben, und zwar in der Thora. Josef hat ihn in die Synagoge mitgenommen. Josef hat dafür gesorgt, dass sie regelmäßig in die Synagoge und in den Tempel gingen, wenn das Gesetz es vorschrieb. Und – kann man das sagen? – Josef war ein vorbildlicher Vater! Auch für Jesus. Etwas wortkarg, vielleicht, aber in dem was er tat, ein ganz großer Mann Gottes. Was wäre aus Jesus geworden, ohne Josef? Mimik, Gestik, Sprache, mindestens das wird von Josef mit geprägt sein. Gott hat Josef eine ganz große Rolle in der Heilsgeschichte zugewiesen. Aber er spielt diese Rolle sozusagen in der zweiten Reihe. – Niemand wie Josef hätte den Oscar für die beste Nebenrolle verdient.

In Israel angekommen redet Gott ein viertes Mal im Traum zu Josef und sagt ihm, dass er nicht nach Judäa in den Süden des Landes sondern wieder nach Nazareth gehen soll. Da schließt sich der Kreis wieder. Geographisch. Sie sind zurück in Nazareth. Dort wächst Jesus auf mit einem Vater und einer Mutter und bald auch mit Geschwistern. (Die Annahme einer ewigen Jungfernschaft Marias, dass sie und Josef auch nachdem jesus geboren wart, nie Verkehr miteinadner hatten, teile ich nicht.) 

Als Jesus zwölf Jahre alt war, wird Josef das letzte Mal erwähnt. Jesus wird das erste Mal zum Passahfest mitgenommen. Viele Menschen waren fröhlich unterwegs, sodass Maria und Josef bei der Rückreise dachten, Jesus sei irgendwo anders in der großen Reisegruppe. Was für ein Schreck, als Jesus fehlte. Zuerst suchen sie und fragen unter allen Verwandten und Bekannten. Erfolglos. Die nackte Angst steigt in ihnen auf. Wo ist Jesus? Sie kehren um, den ganzen Weg noch einmal zurück. Dann finden sie Jesus im Tempel. Ganze drei Tage hatten sie ihn gesucht. Die Eltern waren außer sich, als sie ihn endlich fanden. Lukas schreibt: „Die Eltern waren fassungslos, als sie ihn dort fanden. »Kind«, fragte ihn Maria, »wie konntest du uns nur so etwas antun? Dein Vater und ich haben dich überall verzweifelt gesucht!« (Übersetzung „Hoffnung für alle“) Ohne Frage, absolut normal wird Josef der Vater Jesu genannt. Er ist der Vater, der ihn erzogen hat. Abba wird Jesus ihn genannt haben. Papa. Und doch weiß Jesus, dass sein eigentlicher Vater Gott ist. – Und Gott muss er mehr gehorchen als seinem Adoptivvater.

Josef von Nazareth – Statist oder heimlicher Star? Ich denke, er war ein außergewöhnlicher, vorbildlicher Mann. Ein Charismatiker, der Gottes Geist alles zutraut und mit dem reden Gottes rechnet. Gott kann auf vielfache Weise reden! Josef war offen dafür. Kein Mann vieler Worte, aber ein Mann der Tat, absolut integer, absolut treu und zuverlässig. Ein Mann nach dem Herzen Gottes. Ein hoch verantwortlicher, geistlich geleiteter Ehemann und Vater. Josef ist beweglich für Gott und hat Prioritäten im Leben.

Und Josef ist jemand, der den Platz einnimmt, den Gott ihm zuweist: Bis heute ist er für viele nur „der Mann der Maria“.Für Gott war er der Mann, dem er den Messias anvertraut hat! Josef ist ein Vorbild für alle, die man nicht so sieht, die nicht so im Vordergrund stehen, die aber eine wichtige Aufgabe im Reich Gotte haben.

Maria wird sehr geehrt. Aber ich finde jeder von uns könnte sich auch ein Bild von Josef an die Wand hängen versehen mit dem Gebet: Hilf mir, Herr, dass ich so gerecht mit dem umgehe, was du mir anvertraust hast, wie Josef es getan hat!

Amen.



 
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