Genesis 11, 1-8 „Turmbau in Babel“

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Norbert Giebel, 13.1.2019

Genesis 11, 1-8 Turmbau in Babel


Damals sprachen die Menschen noch eine einzige Sprache, die allen gemeinsam war. Als sie von Osten weiterzogen, fanden sie eine Talebene im Land Schinar. Dort ließen sie sich nieder und fassten einen Entschluss. "Los, wir formen und brennen Ziegel­steine!", riefen sie einander zu. Die Ziegel wollten sie als Bau­steine benutzen und Teer als Mörtel. "Auf! Jetzt bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!", schrien sie. "Dadurch werden wir überall berühmt. Wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, weil der Turm unser Mittelpunkt ist und uns zusammenhält!" Da kam der Herr vom Himmel herab, um sich die Stadt und das Bauwerk anzusehen, das sich die Menschen errichteten. Er sagte: "Sie sind ein einzi­ges Volk mit einer gemeinsamen Sprache. Was sie gerade tun, ist erst der Anfang, denn durch ihren vereinten Willen wird ihnen von jetzt an jedes Vorhaben gelingen! Wir werden hinun­tersteigen und ihre Sprache verwirren, damit keiner mehr den anderen versteht!" So zerstreute der Herr die Menschen über die ganze Erde; den Bau der Stadt mussten sie abbrechen. Darum wird die Stadt Babylon ("Verwirrung") genannt, weil dort der Herr die Sprache der Menschheit verwirrte und alle über die ganze Erde zerstreute.

Liebe Gemeinde,

von den Menschen in Babel können wir etwas lernen: Wenn Menschen ein gemeinsames Ziel haben, Hand in Hand daran arbeiten, wenn alle an einem Strick ziehen, dann können sie Großes erreichen. – Das ist auch gut so! – Und wenn sie dann noch eine Sprache sprechen, dann ist ihnen alles möglich, was sie sich vornehmen. Manche sagen ja über einen anderen „Das ist einer, der meine Sprache spricht!“ Dann meinen sie „Der versteht mich und ich verstehe ihn. Wir gebrauchen nicht nur dieselben Worte, wir kommen aus einer Welt, wir haben eine gemeinsame Sicht!“

So war es wohl auch in Babel. Eine Sprache und sie verstehen sich und alles geht Hand in Hand. Sie reden miteinander und jeder versteht genau das, was der andere meint! Das ist nicht normal. Wenn Kommunikation gelingt, ist das schon ein Wunder. Die Menschen in Babel erleben ein Dauerwunder. Sie sind eins, jeder weiß, was er zu tun hat, jeder ist wichtig.

Aber das Wichtigere, was es hier zu lernen gibt ist wohl, dass Menschen mit all ihren Gaben und hohem Einsatz und in großer Einheit für das falsche Ziel arbeiten können. Super Organisation, super Arbeit, an alles ist gedacht, aber das Ziel ist falsch. Die Menschen in Babel bauen einen Turm, der bis an den Himmel reichen soll. Einen Wolkenkratzer also. Türme waren immer schon ein Symbol für Macht. Der Eiffelturm, das World Trade Center, das Empire State Building.

Manche Türme sind nach Firmen benannt, manche nach Menschen: Es gibt einen Donald-Trump-Turm. Der weltgrößte Turm zurzeit aber steht in Dubai. 2010 eingeweiht, nach dem Herrscher des Emirates genannt: Burij Khalifa. Der Burij Kalifah ist 828 Meter hoch. Es ist wohl Frage der Zeit, wann es einen 1000 Meter hohen Turm geben wird. Von einem anderen Herrscher in Auftrag gegeben, der sich einen Namen machen will. Auf jeden Fall: Wer einen solchen Turm bauen kann, der ist jemand. Dem gebührt Achtung. Ein hoher Turm sagt es jedem: Hier stehe ich. Ich bin stark, reich, mächtig. Und ich wanke nicht.

Die Menschen in Babel wollen bis an Gottes Tür bauen, Gott ganz nahe kommen, ihm ganz ähnlich sein. „Vorsicht Gott, wir kommen! Mach hoch die Tür, die Tor mach weit, hier kommt der Mensch der Herrlichkeit.“

Sie meinen, schon ganz nahe an Gott dran zu sein. Das muss Gott sich ansehen! „Da fuhr der Herr hernieder!“ übersetze Martin Luther. Das ist nicht ohne Witz formuliert. Gott ist überall, er muss nicht „herunterfahren“. Der Himmel ist nicht einfach oben. Der Himmel ist eine andere Dimension. Ganz weit weg n doch jedem nahe. Die Formulierung hier ist eine Antwort auf den Wahn des Menschen, der meint von sich aus zu Gott zu kommen, Gott zu verstehen, ihn in die Finger zu bekommen.

Gott muss den weiten Weg auf sich nehmen zu diesen Bauleuten. Das wäre so, als würde sich der Fernsehturm in Berlin oder Köln oder Frankfurt ganz langsam nach unten neigen, immer weiter runter mit seiner Spitze, noch weiter runter, bis er ganz gekrümmt ist, der Fernsehturm, und sich dann einen Grashalm ansieht. Gott kommt herunter, sieht die Menschen und sagt: "Sie sind ein einzi­ges Volk mit einer gemeinsamen Sprache. Was sie gerade tun, ist erst der Anfang, denn durch ihren vereinten Willen wird ihnen von jetzt an jedes Vorhaben gelingen!“

Gott ist nicht in Gefahr. Gott macht sich keine Sorgen um sich. Gott macht sich Sorgen um die Menschen. Sie müssen vor sich selbst geschützt werden. Sie investieren in großer Einheit alles, ihr Leben, für etwas, was keinen Sinn hat. Nur sich selbst machen sie damit einen Namen. Sie wollen groß werden durch ihre Leistung, was sie zustande bringen. Vielleicht ihre eigene Vergänglichkeit dadurch aufheben: „Von uns wird man noch in 1000 Jahren sprechen!“ „Wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, weil der Turm unser Mittelpunkt ist und uns zusammenhält!“ So werden sie überleben und höher als alles andere sein.

Gott lässt sie ihren Turm nicht weiterbauen. Gott interveniert. Mit einem sehr einfachen aber absolut zuverlässigen Mittel: Er nimmt ihnen die eine Sprache, ihre Verständigung. Ohne Kommunikation läuft gar nichts mehr. Einzelne können ihre Ideen nicht mehr einbringen. Sie werden einfach nicht gehört. Man lernt nicht mehr voneinander. Man weiß nichts mehr voneinander. Ständig gibt es Missverständnisse. Nichts greift mehr Hand in Hand. Der gemeinsame rote Faden ist verloren gegangen. Jeder wurschtelt vor sich hin.

Jesus hat gesagt: „Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet!“ (Matth 12,15.) Vermutlich war das ein jüdisches Sprichwort, eine jüdische Weisheit. Jesus zitiert es. Das sagt einem schon der wache Verstand: „Jedes Reich, jede Gemeinde, jede politische Gruppe, jedes Leitungsteam, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet!“ „Ich brauche mehr Mörtel!“ sagt der eine. Und der es hört, bringt ihm mehr Steine. „Das Gerüst wackelt sagt der eine.“ „Unsinn, das hält wir sind auf einem guten Weg“ sagt der andere und baut das Gerüst noch weiter ab.

Gott schützt die Menschen vor sich selbst. Unser Text ist der letzte Text in der Urgeschichte. 1. Mose 1–11 ist die Urgeschichte. Da geht es um die Schöpfung und den Menschen allgemein. Was den Menschen betrifft, fängt es an mit Adam und Eva. Am Ende werden sie aus dem Paradies vertrieben. Das ist auch Gericht, aber Gott schützt den Menschen, dass er nicht mehr vom Baum der Erkenntnis essen kann und Gott gleich sein will.

Dann kommt der Brudermord: Kain ermordet Abel aus Neid. Als Kain auf Gott trifft, hat er Angst: Jeder könnte ihn nun auch totschlagen. Da erhält Kain von Gott ein Schutzzeichen. Seine Tat bleibt nicht ohne Konsequenzen, aber Gott schützt ihn, versagt ihm nicht seinen Segen.

Dann kommt Noah. Das Böse hat sich unter den Menschen ausgebreitet: Der Starke gewinnt, der Schwache geht unter. Recht und Gerechtigkeit werden mit Füßen getreten. Als Gott die Erde mit seiner großen Flut reinigt, lässt er Noah eine Arche bauen. Ein kleiner Ort der Bewahrung, um dem Menschen kein Ende zu machen.

Jetzt sind wir beim Turmbau in Babel. Der Mensch überhebt sich. Er stellt sich selbst in den Mittelpunkt. Er will sich einen Namen machen. Er setzt auf seine eigene Leistung. Er verspielt sein Leben für eine fixe Idee. Und Gott schützt seine Menschen, indem er ihnen ihre eine Sprache nimmt.

Das ist keine Ablehnung aller Forschung! Das ist keine Ablehnung allen Fortschritts! Erkenntnis zu suchen ist nicht schlecht. Sie wird aber schlecht, wenn der Mensch sich absolut setzt und Gott außer Acht lässt. Menschen können mehr als für sie gut ist. Sie können Atombomben entwickeln; um zu erkennen wie gefährlich die Atomkraft ist, muss es erst ein großes Unglück, einen GAU, in Fukushima geben.

Vielleicht gelingt es dem Menschen auch Menschen zu klonen. Lauter Männer und Frauen, die schlau sind und aussehen wie Models. Gezeugt im Reagenzglas. Vorher aussortiert, wenn sie den Anforderungen der Zeit nicht genügen. Menschen sind fähig, Dinge zu erkennen und zu produzieren, die das Potential unserer Vernichtung enthalten. Der Turmbau in Babel ist nicht einfach nur eine Geschichte der Vergangenheit. Es ist eine Urgeschichte mit einer Urversuchung der Menschen.

Im Neuen Testament gibt es eine Gegengeschichte zum Turmbau: Pfingsten. Gottes Geist kommt und Menschen verstehen sich. Jeder hört den anderen in seiner Sprache sprechen. Parther, Meder, Elamiter und wer da sonst alles gerade in Jerusalem war: Sie verstehen plötzlich, als die Jünger das Evangelium predigen.

Wenn es das noch einmal gäbe, dass alle sich verstehen, dann wäre das ein wahres Pfingsten: Der Heilige Geist wäre der Dolmetscher. Große und Kleine, Alte und Junge, Männer und Frauen verstehen sich! Erbitterte Feinde werden wieder eins. Wo der Geist weht, können Menschen neu anfangen. Plötzlich wagen Menschen zu Pfingsten einen Neuanfang, entscheiden sich für ein Leben mit Gott, lassen sich taufen.

Die größte Gabe des Heiligen Geistes ist nicht die Prophetie oder die Lehre oder in Engelssprachen reden zu können. Die größte Gabe des Geistes Gottes ist die Liebe. Menschen verstehen sich. Menschen werden wieder eins. In Christus. Wo die Liebe siegt und Verstehen wieder möglich ist, da hat der Heilige Geist gesiegt.

Kommunikation ist nicht alles! Aber ohne Kommunikation ist alles nichts! Wie wir reden miteinander, das wird sich auswirken auf unsere Arbeit und es wird zeigen, wie viel wir dem Heiligen Geist zutrauen. Wo die Beziehung stimmt, wo man sich angstfrei und ohne Vorurteile begegnet, wenn man vertrauen kann, da kann man offen reden und man versteht sich. Beziehung und Kommunikation stehen in einer Wechselbeziehung.

Das kann man aber auch umkehren: Wenn die Kommunikation Risse bekommt, wenn man den Eindruck hat, man wird nicht mehr gehört, was ich sage, kommt nicht mehr an, oder ein anderer redet mit Dritten über mich, da bekommt auch die Beziehung Risse.

Eine alte Urgeschichte ist das also.
Wir Menschen kommen darin vor.
Was hat sie uns heute zu sagen?

  • Das eine ist eine Frage an jeden einzelnen aber auch an eine ganze Kultur oder eine ganze Gemeinde: An welchem Turm baust du? Für welche Ziele lebst du? Für welche Ziele arbeiten wir? Wollen wir uns einen Namen machen? Setzen wir auf unsere Leistung?
  • Das andere ist das kostbare Geschenk der Kommunikation. Reden miteinander. Offen reden. Den anderen verstehen wollen. Was wir sagen von der Liebe filtern lassen.
  • Und das Dritte ist eine Erinnerung: Was uns eint, soll allein Gott sein. In seinem Sohn, in dem er sich gezeigt hat. Durch seinen Geist, der uns verbindet.

Amen.

 

Zusatz: Ein Beispiel, wenn zwei nicht die gleiche Sprache sprechen:

Ein Weißer trifft im tiefen Urwald auf einen Schwarzen. Sie können sich nicht verständigen. Der Schwarze zeigt auf den Weißen und macht Uh. Der Weiße macht das Peace-Zeichen. Der Schwarze macht mit seiner Rechten eine Wellenbewegung und formt dann seine Hände schräg zueinander wie ein Hausdach. Der Weiße macht ihm die Wellenbewegung nach und läuft ganz schnell weg. Zuhause angekommen erzählt der Weiße: „Ich habe einen Ureinwohner getroffen!“ „Habt ihr euch verständigen können?“ „Ja.“ sagt der Weiße und macht beim Sprechen die Handbewegungen nach. „Er hat gesagt: ich bring dich um! Ich habe gesagt: Friede! Da hat er gesagt: Hau ab nach Hause! Da bin ich schnell weggelaufen.“ Auch der Schwarze erzählt seinen Leuten von der Begegnung. Auch er macht die Zeichen mit den Händen dabei nach. „Ich habe ihn gefragt: Wie heißt du? (Er hat mit dem Finger auf ihn gezeigt). Da hat er gesagt: Ziege (Er hat das Friedenszeichen gemacht.) Da habe ich ihn gefragt: Hausziege oder Flußziege? Flußziege hat er geantwortet. Dann ist er ganz schnell weggelaufen.“

Quellen: Ich habe profitiert beim Lesen von Predigten im Internet: Prof. Dr. Traugott Schächtele 2009 in Freiburg; Frank Bendler 2011 in Kuchen; Dr. Adelheid Magdalena von Hauff 2011 in Reilingen; Dr. Johannes Bartels 2012 in Breitenbrunn.

 
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