Markus 2, 18-22 Sinn und Unsinn des Fastens

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

20.01.2019 Pastor Norbert Giebel

Markus 2, 18-22: „Sinn und Unsinn des Fastens“

18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel. Und es kamen etliche, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, aber deine Jünger fasten nicht? 19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. 20 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen ist; dann werden sie fasten, an jenem Tage.
21 Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger. 22 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche.

Liebe Gemeinde,

jeder Jude hat damals einen Tag pro Woche gefastet. Die Pharisäer haben jeden Montag und Donnerstag gefeiert, auch die Jünger von Johannes, dem Täufer, zwei Tage pro Woche. „Jesus, warum fasten deine Jünger nicht?“ Viele haben ihm diese Frage gestellt. „Warum fasten deine Jünger nicht?“ Das ist aufgefallen. Sie haben es vielleicht gar nicht als Vorwurf gemeint, aber sie haben es nicht verstanden.

Heute fragen wir anders: Warum überhaupt fasten? Was soll das? Was bringt es? Wollen Menschen Gott damit unter Druck setzen? Ist Fasten so etwas wie Hungerstreik? Gegen Gott, um seinen eigenen Willen durchzukriegen? Wir fragen heute erst einmal umgekehrt:
Warum fasteten so viele Juden damals?

So viel ist klar: Sie haben nicht gefastet, um abzunehmen. Fasten, wirklich ein paar Tage nichts essen oder eine Zeit lang auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten, das ist auch gesund. Solche gesundheitlichen Aspekte aber sind damals absolut sekundär. Die Juden würden auch fasten, wenn es ihrem Körper schadete! Ihnen geht es um ihre Beziehung zu Gott!

Seinen Ursprung hat das Fasten in der Trauer, in der Verzweiflung. Menschen sind so verzweifelt, dass sie keinen Appetit mehr haben. Sie kriegen keinen Bissen mehr herunter. Ihre Not schlägt ihnen auf den Magen. Sie haben Angst um ihr Leben, oder um das Leben anderer. Sie sind voller Trauer, befinden sich im Schock über schlimmes Elend, eigenes Elend oder Leiden und Schmerzen, die sie bei anderen sehen. Das nimmt ihnen jeden Appetit. Sie kriegen keinen Bissen herunter. Ihr Magen ist wie zugeschnürt.

Wenn also jemand nicht einmal mehr essen kann, dann ist das ein klares Zeichen, dass er innerlich eine große Not hat. Dieses äußere Zeichen, nicht mehr zu essen, nimmt das religiöse Fasten, um Gott zu zeigen: „Ich bin in großer Not. Ich bin verzweifelt. Klein, hilflos, völlig abhängig von dir, komme ich zu dir.“

Das religiöse Fasten zeigt, wie ernst es dem Beter ist, zu Gott zu kommen, mit Gott eins zu sein: „Du bist mir wichtiger als mein Bauch. Du bist mir wichtiger als mein Hunger.“ „Meine Not, meine große Schuld, meine verzweifelte Suche nach Dir, nach Trost, nach Frieden, nach deinem Weg, das ist mir so wichtig, dass ich hungere und hungernd zu dir komme.“

In der Bibel gibt es kein Gebot, dass man fasten soll. Nirgends. Und doch wurde schon sehr früh gefastet. Nicht nur in Israel: Als das Volk Israel nach langer Gefangenschaft aus Babylon zurückkommt, beten und fasten sie auf der Rückreise nach Jerusalem (Esra 8, 21-23). Sie bitten um Gottes Schutz. Sie erleben einen großen Wechsel in ihrem Leben. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Aber sie wollen diese Zeit mit Gott erleben, in seiner Nähe, von ihm geführt. Sie wissen sich auf seine Hilfe angewiesen. Sie werden eine Stadt neu aufbauen. Vielleicht werden sie einen neuen Tempel bauen. Was wird das kosten, an Menschen, an Auseinandersetzungen? Die Situation ist ernst. Sie haben große Entscheidungen zu treffen. Und sie wollen diesen Weg nicht ohne Gottes Weisung gehen! Sie beten und sie fasten, um Gott den großen Ernst ihrer Situation zu zeigen. Vielleicht auch, um sich selber in dem großen Wandel, in dem sie sich befinden, bei Gott festzuhalten.

Als Jona den Menschen in Ninive sagt, dass Gott sie richten wird, fastet die ganze Stadt, Mensch und Tier. Sie sind total erschrocken. Sie fürchten Gott. Sie tun Buße, wollen umkehren, und sie fasten! Und Gott erhört ihre Bitten und verschont Ninive.

Jesus fastete nach seiner Taufe am Anfang seines Dienstes 40 Tage. Auch er hat einen Weg vor sich, den er eng verbunden mit seinem Vater gehen will, wo er die Einheit mit seinem himmlischen Vater besonders brauchen wird, einen schweren Weg. Auch Jesus bereitet sich vor, sammelt sich, bittet seinen Vater, hält sich an ihm fest, ist eins mit ihm, und er fastet.

Bei Jesus findet im Fasten ein geistlicher Kampf statt, in dem er gegen alle Versuchungen klärt, wer sein Herr ist. Manchmal haben wir viele Stimmen in uns und wissen nicht, welche die richtige ist. Gottes Stimme zu erkennen, braucht Ruhe, Konzentration, vielleicht Askese, Verzicht auf anderes. Fasten, alles zurückfahren und nur bei Gott zu sein, kann helfen, die eine Stimme zu hören, Gottes Willen zu erkennen.

Auch Saulus-Paulus isst und trinkt drei Tage nichts, nachdem Jesus ihm begegnet ist, bis er sich taufen lässt (Apg 9, 9.19). In einem Moment erkennt er große böse Irrwege in seinem Leben. In einem Moment erkennt er, dass der Gekreuzigte der Herr ist, dass Jesus auferstanden ist. Das muss er verarbeiten. Danach will er sein Leben ausrichten. Das geht nicht so nebenbei. Das kostet alle Konzentration. Alles wird ablegt, sogar das lebensnotwendige Trinken, um ganz neu anzufangen.

Auch die Gemeindeleitung in der großen Gemeinde in Antiochia betet und fastet (Apostelgeschichte 13,2-3). Vielleicht war das eine Art Leitungs-Klausur, vielleicht haben sie das öfter so gehandhabt: Sie wollten Gottes Stimme hören. Er sollte ihnen sagen, was sie tun sollen, wie es mit der Gemeinde weitergeht, wo er einen Auftrag für sie hat. Sie beten und fasten und dann sagt ihnen der Heilige Geist, dass sie zwei aus ihrer Mitte als Missionare aussenden sollen: Barnabas und Paulus.

Es gibt viele Beispiele in der Bibel dafür, dass Fasten eine gute Möglichkeit ist, um sich selbst dem ganzen Ernst einer Situation zu stellen und auch Gott zu zeigen, wie ernst es einem ist. Okay. Dann also noch einmal die Frage: „Jesus, warum fasten deine Jünger nicht?“

Das Fasten war zu einem frommen Werk geworden, das man gerne zeigte und auf das man stolz war. Nicht mehr zu essen, ein Zeichen für eine große innere Not, das war zu einem äußeren Zeichen rechter Frömmigkeit geworden. Fasten war eine fromme Sonderleistung geworden, eine Sonderschicht für Gott. Das äußere Zeichen war noch da, weit verbreitet, es gehörte zum guten Ton. – Aber waren die Menschen wirklich zerknirscht, demütig? Wollten sie Gottes Stimme hören? Wollten sie umkehren? War ihnen eine schlimme eigene Schuld bewusst geworden? Waren sie offen für neue Wege?

Äußere Zeichen kann man schnell nachmachen, ohne die innere Haltung zu haben, die damit einmal verbunden war. Überall im Glauben gibt es äußere Zeichen, Handlungen, Symbole. Irgendwann einmal standen sie für innere Haltungen und irgendwann sind sie für viele entleert worden. Man kann auf die Knie gehen und ganz stolz sein. Man kann auch die Hände beim Beten heben und äußerlich Gott über alles stellen und innerlich andere verurteilen. Man kann in Gottesdienste gehen, in der Bibel lesen, aber gar nicht hören wollen.

Jesus ist nicht gegen jedes Fasten, aber gegen Fasten als frommes Werk, gegen fasten als nur noch äußere Form, mit der man sich dann auch noch besser fühlt und andere danach beurteilt, ob sie auch der Form genügen. In der Bergpredigt sagt Jesus:

16 »Wenn ihr fastet, dann setzt keine Leidensmiene auf wie die Heuchler. Sie machen ein saures Gesicht, damit alle Welt merkt, dass sie fasten. (...) 17 Wenn du fasten willst, dann wasche dein Gesicht und kämme dich, 18 damit niemand es merkt als nur dein Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.«

Niemand muss fasten. Aber man kann fasten. Es ist eine geistliche Hilfe für die, die mit allem Ernst beten wollen. Aber wer fastet, soll nicht groß davon reden. Es ist eine Sache zwischen Gott und dir.

Die frommste Übung kann zu einer leeren Form werden. Ist das schlimm? Ja, weil wir uns dann selbst betrügen! Weil wir uns über uns selbst irren! Wir machen die äußeren Dinge noch, aber innerlich sind wir lange nicht mehr demütig, erschrocken vor Gott, voller Erwartung. Wir haben lange schon nur noch auf uns selbst gesetzt. Nur Gott weiß, wie leer unsere Formen geworden sind, wie erwartungslos wir beten oder Abendmahl feiern oder auch in einen Gottesdienst gehen.

„Warum fasten Deine Jünger nicht?“ Jesus gibt eine doppelte Antwort:

  1. 1.Sie fasten nicht, weil Hochzeit ist! Solange der Bräutigam da ist, wird nicht gefastet. Wenn er weg ist, dann werden auch sie trauern, dann wird es ihnen auch den Appetit verschlagen. Sie fasten nicht, weil sie Hochzeit feiern!
  2. 2.Fasten ist „ein alter Schlauch“. Eure alten Formen können das neue Leben nicht mehr aufnehmen. Eure alten Formen haben ausgedient!

Tatsächlich haben Hochzeitsfeiern alle Fastenregeln aufgehoben. Hochzeiten wurden sieben Tage gefeiert. Auch das war geregelt. Und in dieser Zeit durfte man nicht fasten. Das passt nicht. Bei Hochzeiten war „Festen“ geboten und „Fasten“ verboten. Jesus vergleicht seine Zeit mit den Jüngern mit einer Hochzeit. Er ist der Bräutigam, sie sind die Braut. „Wie ein Bräutigam eine Braut umwirbt, so umwirbt Gott sein Volk!“ kann man bei Jesaja lesen (vgl. 62,5) Sie sind die Braut oder zumindest Hochzeitsgäste.

Auf einer Hochzeit in Kana vollbringt Jesus sein erstes Zeichen: Er verwandelt Wasser in Wein! Jetzt soll gefeiert werden! Wo er ist, da geht es fröhlich zu! Und auch in seinen Predigten und Gleichnissen nimmt Jesus das Bild von der Hochzeit gerne auf. Jetzt ist der Tag des Heils! Jetzt ist der Tag der Freude! In der Ewigkeit werden wir ein ewiges Hochzeitsmahl feiern. Das Reich Gottes ist mitten unter ihnen! Da können seine Jünger nicht fasten!

Und Jesu Jünger fasten nicht, weil Fasten ein alter Schlauch ist. Eure alten Formen und Regeln können das neue Leben nicht aufnehmen, da ist kein Raum für das, was Gott schenken will. Zuerst nutzt Jesus noch ein anderes Bild: „Niemand flickt ein altes Kleid mit einem Stück von neuem Tuch!“ sagt Jesus. „Der neue Lappen würde vom alten Kleid abreißen!“ Kleider wurden lange getragen, über Generationen hinweg, habe ich gelesen. Die Stoffe wurden mürbe, ausgetrocknet, unflexibel. Ein neuer Stoff würde sich ganz anders verhalten in der Sonne oder wenn er nass wird. Das würde nicht halten.

Dann kommt das zweite Bild: „Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche!“ sagt Jesus. „Der neue noch nicht ganz gegorene Wein würde die alten Schläuche zerreißen!“ Jeder wird es damals gewusst haben. Mann hatte keine Holzfässer oder Flaschen. Getränke wurden in Lederschläuchen aufgewahrt. Ziegenfelle, Schafsfelle, Kopf und Beine zugenäht, fertig waren die Wasser-oder Weinschläuche. Altes Leder aber wurde mürbe, unflexibel, dehnte sich nicht mehr. Neuer Wein, der noch nicht ausgegoren ist, zerreißt die alten Schläuche.

Nun könnte man sagen: „Dann nehmen wir eben keinen neuen Wein! Uns reicht der alte Wein. Alter Wein schmeckt doch viel besser! Was soll das ganze Neue?“ Aber der alte Wein wird irgendwann ausgehen. Wer nicht zur rechten Zeit erntet, wird später gar keinen Wein mehr haben. Der neue Wein braucht neue Schläuche. Man muss neue Schläuche machen, wenn man den Wein aufnehmen, aufbewahren und wenn man ihn weitergeben will.

„Alt“, das Wort „alt“, meint Jesus hier nicht neutral! Er sagt nicht: „Alt und neu passt nicht zusammen. Dann nehmen wir das Neue eben nicht!“ Das Neue ist er selber! Das Neue, was neue Schläuche braucht hier im Gespräch über das Fasten und Formen allgemein, das ist er selbst. Das Neue, das vergossen wird, ist das Leben, das Jesus bringen will. „Eure Formen, Eure Traditionen sind nicht mehr in der Lage, Christus aufzunehmen, Christus Raum zu geben, und sie sind nicht in der Lage,  Christus zu bekennen und weiterzugeben!“ Das Neue, das zerrissen wird wie ein Stück neuen Stoffes, das ist Christus! Er wird zerrissen. Für ihn ist kein Platz in den alten Formen.

Es gibt Veränderungen im Leben, zu denen auch äußere Veränderungen gehören. Da braucht es neue Formen und neue Ordnungen: Wenn ein Kind geboren wird, geht das Leben für die Eltern anders weiter. Wenn Kinder aus dem Haus gehen oder wenn der alte Opa mit einzieht, dann geht das Leben anders weiter. Wenn man ein Studium beginnt oder wenn jemand in ein Seniorenstift zieht: Das sich verändernde Leben braucht neue Antworten. Und das gilt auch für den Glauben. Da wird es leicht vergessen. Wenigstens im Glauben, wie wir unseren Glauben leben, da soll doch alles bleiben wie es ist! Und dann werden schnell mal die Schläuche mit dem Inhalt verwechselt. Man hat Angst, den Inhalt zu verlieren und hält an alten Schläuchen fest, die dem neuen Leben aber gerade nicht mehr gerecht werden.

Entscheidend ist: Was hilft uns heute, auf Jesus zu hören, seinen Willen zu tun, ihm unter uns Raum zu geben, zu Jesus einladen zu können, Menschen im Glauben wachsen zu lassen? Alles Äußere ist nicht heilig. Unser Herr ist heilig.

Wie wir Gottesdienst feiern, wo wir Gottesdienst feiern, welche Gemeindegruppen wir haben, welche festen Angebote es in unserer Gemeinde geben soll, wie wir es schaffen, unseren Grundaufträgen als Gemeinde nachzukommen, der Mission, der Diakonie, der Gemeinschaft, das gehört immer wieder bedacht und manchen alten Schlauch muss man dann auch lassen.

Was hilft uns heute, auf Jesus zu hören, seinen Willen zu tun, ihm unter uns Raum zu geben, zu Jesus einladen zu können, Menschen im Glauben wachsen zu lassen?

„Jesus, warum fasten deine Jünger nicht?“

1. Weil der Bräutigam da ist: Sie haben allen Grund zu feiern!

2. Und weil sie neue Formen gefunden haben, das was Jesus
   ihnen schenkt, aufzunehmen und weiterzugeben.

Amen.

 
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