Johannes 12, 34-40 Handle, solange du Licht hast

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße
Pastor Norbert Giebel 3.2.2019

Johannes 12, 34-41  „Handle, solange du das Licht hast“

34 Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? 35 Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, dass euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. 36 Glaubt an das Licht, solange ihr's habt, auf dass ihr des Lichtes Kinder werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen. 37 Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen getan hatte, glaubten sie doch nicht an ihn, 38 auf dass erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte: Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart? 39 Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja sagte wiederum: 40 Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, dass sie mit den Augen nicht sehen noch mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich ihnen helfe. 41 Das sagte Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.

Liebe Gemeinde,

Jesus hatte gerade angedeutet, dass er sterben würde. Heiden, Ausländer, und Juden kommen zu ihm, und wollen wissen wer er ist. Und Jesus deutet an, dass er sterben würde und dann alle zu sich zieht. (V32) Er sagt nicht ganz klar, was passieren wird. Er sagt, er wird „erhöht werden von der Erde“. Die zu ihm gekommen sind, haben es dennoch verstanden: Jesus hat von seinem Tod gesprochen.

Johannes nennt in seinem Evangelium die Kreuzigung Jesu seine Erhöhung. Am Kreuz, da wird Gottes Herrlichkeit sichtbar. Am Kreuz wird Jesus ganz nah an Gottes Herz gerückt: Gott leidet an dieser Welt. Gott leidet mit den Menschen. Gott will sie retten. Gottes ganze Heiligkeit und seine Liebe werden am Kreuz sichtbar: Keine Sünde, keine Finsternis, kann zu Gott kommen. Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit vergehen vor Gott wie das Dunkel im Licht. Menschen sind aber Sünder. Wir schaffen es nicht, gerecht zu sein. Darum kann kein Mensch zu Gott kommen.

Gott will aber, dass jeder zu ihm kommen kann. Er will, dass alle gerettet werden. Seine Sehnsucht nach uns, seine Liebe wird nirgends so sichtbar, wie am Kreuz! Das Kreuz ist Jesu Erhöhung. Da erkennen wir einerseits, wie heilig Gott ist, dass es keinen anderen Weg gibt als diesen, dass er selbst erleidet, was wir erleiden müssten! Sonst kann niemand zu ihm kommen. Und andererseits erkennen wir, wie groß seine Liebe ist: Jeder soll zu ihm kommen können.

Vom Kreuz wussten die Leute noch nichts, die zu Jesus kommen. Aber sie haben verstanden, dass er sterben wird. Und dann, denken sie, kann er der Messias, der Christus, nicht sein. „Nach unseren heiligen Schriften wird der Messias Sieger über alles sein und ewig leben.“ Vielleicht haben sie Schriftstellen zitiert: „Sein Königshaus wird für immer bestehen!“ Psalm 89, 37.         „Das Friedensreich wird kein Ende haben auf dem Thron Davids!“ Jesaja 9,6

Ein Nachkomme Davids sollte der Messias sein; auf Griechisch sagt man Christus zum Messias. Schon als David die Verheißung bekam, hat der Prophet Nathan ihm gesagt, dass der Königsthron seines Nachfolgers ewig bestehen würde. (2. Sam 7,13) Also: „Aus dem Gesetz wissen wir, dass der Christus ewig lebt. Warum sagst du, dass der Menschensohn erhöht werden muss? Und wer ist überhaupt dieser Menschensohn?“

Menschensohn, das war die Selbstbezeichnung Jesu. Achtet mal darauf, wenn ihr die Evangelien lest, wie oft Jesus sich Menschensohn nennt. Diese Selbstbezeichnung aber ist für die Hörer damals missverständlich. Menschensohn – ben adam auf Hebräisch – kann einfach
ein Mensch“ bedeuten. „Einer von der Gattung Mensch.“ „Der Menschensohn“ ist „der eine Mensch“. Der eine Mensch, oder vielleicht auch „der wahre Mensch“ oder „Ich als einer der Gattung Mensch“, ... Ich werde erhöht werden. Das ist schon rätselhaft.

Aber es gibt im Alten Testament und in der Erwartung im Judentum noch einen anderen Menschensohn. Der Prophet Daniel hatte diese Vision, diese Verheißung, als Erster gesehen. Er sieht und predigt, dass einer „wie eines Menschensohn“ – also wie ein Mensch – von Gott herab durch die Wolken auf die Erde kommen wird. Dieser bekommt von Gott alle Macht und Ehre und alle Völker, Menschen aller Sprachen, werden ihm dienen. (vgl. Daniel 7, 13-14)

Ist Jesus der Messias? Oder ist er der Menschensohn? In der Bibel gibt es verschiedene Visionen mit verschiedenen endzeitlicher Gestalten. Und sie alle weisen auf Jesus hin: Dass der Menschensohn bei Daniel und der Gottesknecht, den Jesaja gesehen und gepredigt hat, der für die Sünden der vielen leiden würde (Jes. 53), und der Christus eine Person ist, das hat man damals im Judentum nicht angenommen. Das wird im Judentum bis heute nicht angenommen.

„Wer ist überhaupt dieser Menschensohn?“ fragen die Leute. Ich wollte euch heute sagen, dass Christus nur das griechische Wort für Messias ist und dass der Christus ein Sohn Davids, ein ewiger König auf dem Thron Davids sein sollte. Und ich wollte die Gelegenheit nutzen, euch etwas zu dem Wort „Menschensohn“ zu sagen. Jesus aber geht auf diese Titel und die Fragen der Leute damals nicht ein. Sie wollen Information, wollen vielleicht diskutieren, und er sagt ihnen etwas zu ihrem Leben, er öffnet ihnen die Augen, in welcher Situation sie gerade sind. Jesus will, dass sie handeln. Sie haben das Licht bei sich und sie sollen eine Entscheidung treffen, das Licht ausnutzen, bevor es wieder dunkel wird und sie dann nicht mehr wissen, was zu tun ist.

Jesus zielt auf ihren Glauben. Aber sie wollen nicht glauben. Er hat so viele Wunder getan, Zeichen, wer er ist, woher er kommt, was er für eine Vollmacht hat, aber sie wollen ihm nicht vertrauen. Sie haben noch eine Frage und noch eine Frage und noch eine Frage. Sie wollen wie es scheint alles verstehen. Aber was Gott in Jesus tut, das kann man nicht verstehen! Wer Jesus ist, das kann man nicht verstehen! Aber man kann darauf vertrauen. Man kann damit leben. Man kann erleben, wie Jesus das eigene Leben hell macht, wertvoll, sinnvoll, gehalten. Man kann Gott nicht verstehen, aber man kann ihm vertrauen.

Keinen Menschen auf der ganzen Welt kann man ganz verstehen. Nicht einen. Nicht einmal seinen Ehepartner kann man ganz verstehen. Nicht einmal sich selbst kann man ganz verstehen. Aber man kann Menschen lieben. – Wenn man schon einen Menschen nie ganz verstehen kann: Wie viel weniger kann man Gott verstehen! Aber man kann ihm glauben, ihn lieben, erleben, was er tun will.

Ihr habt das Licht. Nutzt das Licht. Seht hin. Macht eure Augen auf. Entscheidet euch und handelt jetzt.“ Wie oft sind unsere Fragen nur Vorwände, Jesus nicht zu vertrauen. Wir haben noch eine Frage und noch eine Frage und noch eine Frage, dabei ist das Licht schon an und wir könnten losgehen. Immer wieder wird es in unserem Leben solche Situationen geben: Jesus ist da. Er öffnet uns die Augen. Es ist taghell. Und er wartet darauf, dass wir ihm vertrauen.

Letzte Woche traf ich mich mit den beiden Jugendlichen, die sich am 3.3. taufen lassen wollen. Ich kenne beide aus dem Gemeindeunterricht. Und ich habe empfunden, dass sich bei beiden etwas verändert hat. Ich habe es ihnen auch gesagt, wusste erst nicht, wie ich es sagen sollte. Dann habe ich gesagt: „Es ist als ob der Glaube bei euch vom Kopf ins Herz gerutscht ist!“ Sie haben vorher schon so viel vom Glauben gewusst. Sie haben sicher auch schon gebetet. Aber es ist noch etwas Neues da. Eine Leidenschaft. Eine Sehnsucht nach Gott. Freude an Jesus. Auch ein klares Bekenntnis. Sie reden von ihrem Glauben und ihren Erfahrungen. Ihr Glaube soll Konsequenzen in ihrem Leben haben. Darauf kommt es wohl an, dass der Glaube ins Herz rutscht. Vom Kopf in die Mitte meines Lebens.

Das Licht wird noch kurze Zeit unter euch sein.“ Sagt Jesus. „Geht euren Weg, (geht los! entscheidet euch!) solange es hell ist, damit die Dunkelheit euch nicht überfällt! Wer im Dunkeln geht, weiß nicht, wohin der Weg ihn führt.“

Jeder hat das schon erlebt, wie das ist, im dunklen Keller, in einer Höhle, vielleicht sogar im ganz vertrauten Schlaf- oder Wohnzimmer, wenn es stockdunkel ist und das Licht wieder angeht. Plötzlich kann man wieder sehen, wo man steht, wo etwas im Weg steht, wie ich gehen muss, um dahin zu kommen, wohin ich will. Jesus hat das Licht angemacht und wir können losgehen!

Glaube ist keine Lehre, die man studieren muss, sondern ein Weg, den ich zu gehen habe. Sonst könnten ja nur die Klügsten zum Glauben kommen, die auf alles eine Antwort haben. Glaube ist ein Weg, den man geht oder nicht geht. Wer den Glauben nur im Kopf hat, der glaubt nicht. Das ist so, als würde jemand immer von einer Reise träumen, sie aber nie antreten.

Glaube ist ein Weg und Gottes Wort, Jesus, ist das Licht auf unserem Weg. Und immer wieder auf diesem Weg kommt man an Stellen, in Situationen, wo der Glaube ins Herz kommen muss. Der Heilige Geist führt uns immer wieder an Entscheidungspunkte. Etwas zu tun, etwas zu lassen, etwas anzufangen oder etwas aufzuhören, eine neue Richtung zu gehen.

Heute, wo ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht!“ sagt Gottes Wort (Hebräer 3,15). Das geht offensichtlich: Man kann sein eigenes Herz verstocken! Hart machen! Man kann seine geistlichen Augen und Ohren kaputt machen, wenn man sie nicht gebraucht. Man hört nicht und hört nicht, man sieht nicht hin und sieht nicht hin, bis man nicht mehr hören und sehen kann. Dann weiß man nicht mehr wohin man gehen soll. – Jesaja hat das für das Volk Israel vorausgesagt. Sie wollen nicht hören, sie gehorchen nicht, sie verschließen sich, sie wollen nicht hinsehen, bis Gott ihre Augen verblendet und ihre Herzen verstockt. (V40)

Man kann Entscheidungsmomente, ideale Situationen für Entscheidungen, wo Jesus das Licht angemacht hat, auch verpassen. Gott hört nicht auf! Er lädt uns immer noch genauso ein, aber wir haben es dann immer schwerer, zu hören, uns zu entscheiden und loszugehen. Man kann sein Herz auch hart machen. Man kann sich etwas in die geistlichen Ohren stopfen.

Wenn jemand heute hier ist, der einmal kurz davor stand, sich zu bekehren, sich taufen zu lassen, vielleicht eine Schuld in seinem Leben zu bekennen und frei zu werden, dann kann er es heute nachholen: Sein Leben mit Jesus beginnen, sich zur Taufe melden, um Vergebung und Freiheit von einer Schuld bitten. Das kann dir heute viel schwerer fallen als in einer Zeit früher. Vielleicht ist dein Herz hart geworden in dieser Sache. Gottes Einladung aber steht noch ganz genauso. Handle, solange du das Licht hat.

Des Teufels liebstes Möbelstück ist die lange Bank!“, sagt man. Wenn der Teufel uns dazu verführen kann, unsere Entscheidungen immer auf die lange Bank zu schieben, dann hat schon halb gewonnen.

Werdet Kinder des Lichts! (V36) Jesus will nicht nur uns leuchten, wir sollen Teil des Lichtes werden, ihn durch uns leuchten lassen. Er öffnet uns die Augen dass wir nicht verblendet sind.

Ich fand eine Predigt von Gerda Altpeter. Kennt jemand Gerda Altpeter? Mir hat der Name vorher nichts gesagt. Gerda Altpeter war Christin und Hollocaust-Überlebende. Sie war evangelische Predigerin und Schriftstellerin. Sie ist am 8.8.2018 im Alter von 92 Jahren verstorben. Ich möchte nicht erzählen, ich möchte sie zitieren. In ihrer Predigt zu unserem Predigttext schreibt Gerda Altpeter:

Es wäre verhängnisvoll, wenn eure Augen geblendet wären, so dass ihr nicht mehr sehen könnt, worauf es ankommt. Es geschieht so leicht, dass wir nicht erkennen, in welcher Situation wir stecken. Mir ist es so gegangen, das kann ich erst jetzt, am Ende meines Lebens erkennen. Ich hätte sehen müssen, in welcher schwierigen Situation meine Kinder und nahe Menschen steckten, weil sie erwarteten, dass ich ihnen helfe, aber ich habe nichts gesehen. Ich war wie blind. Im Nachhinein erkenne ich meine Schuld.

Sonst habe ich gedacht, dass ich alles richtig anfasse. Ich war mir keiner Verfehlung bewusst. Ich habe wohl gebetet, dass Gott mir zeigen möge, wenn ich etwas falsch mache, um mir die rechte Handlungsweise mitzuteilen. War mein Herz so hart, wie es der Prophet Jesaja sagt? Jetzt sind diese Menschen tot. Bis zu einem gewissen Grad bin ich daran schuld. Niemand kann etwas daran ändern.

Und nun lese ich diese Worte, dass ich geheilt werden soll, wenn ich umkehre. Ja, ich will umkehren. Möge das Licht von und mit Jesus mir dazu helfen.

Möget ihr wie ich erkennen, worauf es ankommt. Möget ihr sehend werden, damit ihr erkennt, dass ihr Heilung braucht, denn nur wenn ihr das wisst, könnt ihr umkehren und euch heilen lassen. Jesus bietet es an, er erzwingt es nicht. Er lässt uns die Freiheit, uns für oder gegen ihn zu entscheiden. Er erleuchtet unser Inneres, damit wir heil werden.

Wir zweifeln ebenso leicht wie diese Menge. Der Zweifel lässt uns unsicher werden. So geraten wir in eine Finsternis, die uns den rechten Weg unsichtbar macht. Im Dunkeln kann man nicht erkennen, wohin es geht.

Mich hat diese Predigt berührt. Was ist das für eine Frau, die so persönlich, so offen in einer Predigt spricht? Ich habe gegoogelt und dann erst erfahren, wer Gerda Altpeter ist. Was sie uns wünscht, wünsche ich uns auch: Dass wir nicht verblendet leben. Dass wir Menschen sehen, die uns brauchen. Menschen ganz in unserer Nähe. Dass Gott uns heilt, dass wir Menschen um uns her, mit seinen Augen sehen!

Hans von Campenhausen, das ist jemand anderes und den Namen kannte ich aus meinem Studium. Er war Professor der Theologie, einer der bedeutendsten Kirchengeschichtler. Hans von Campenhausen schreibt in einem Buch von zweien seiner Kollegen: („Theologenspiess und Spass“.) Die beiden Theologen wollen einen Verleger besuchen. Auf dem Treppenhaus geht das Licht aus. Paul Althaus, der eine Kollege, will das Licht anmachen, erwischt aber statt des Lichtschalters die Klingel. Darauf sagte sein Kollege: „Ja, sehen Sie, so sind wir Theologen: Wir sollen Licht machen und machen – nur Lärm“.

Das stimmt nicht nur für Theologen. Alle Christen sollten nicht nur auf die Klingel drücken, sondern Licht anmachen. Im Dunkeln drückt man den falschen Schalter oder geht einen falschen Weg. Darum ist es so wichtig, im Licht zu bleiben, bei Jesus zu bleiben. Jesus ist das Licht der Welt! Wer ihm nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben! (Vgl. Joh 8, 12)                             Amen.


Eine alte Sage erzählt von einem Mann, der im Dunkeln (!) am Strand einen kleinen Sack mit Steinen findet. Er macht sich einen Spaß daraus, mit ihnen nach den Möwen zu werfen. Einer nach dem anderen fällt in die Fluten. – Nur einen Stein bewahrt er auf und als er nach Hause kommt, sieht er, dass er einen kostbaren Edelstein in der Hand hat. Am Morgen läuft er zum Strand zurück aber er findet nicht einen der verlorenen Edelsteine wieder. So geht es einem Menschen, der ohne Jesus lebt: Jeder seiner Tage könnte auf dem Weg mit Jesus ein Edelstein sein; aber er wirft ihn weg und kann ihn nie wieder zurückholen.


 
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