Markus 4, 35-41 Wer Gott vertraut, kann gut schlafen.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße

Norbert Giebel, 10.02.2019

Markus 4, 35-41 Wer Gott vertraut, der kann gut schlafen.

35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. 37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

„Habt ihr denn keinen Glauben?“ fragt Jesus seine Jünger?

„Wo ist denn euer Vertrauen?“ Das ist die Frage, auf die hier alles hinausläuft. Jesus fragt seine Jünger in einer dramatischen Situation: Sie haben um ihr Leben gebangt. Sie waren in höchster Gefahr. Alles drohte unterzugehen. Da haben sie Jesus geweckt. Er hat Sturm und Wellen geboten. Und plötzlich war es still. Absolut still. Was für eine Stille! Und dann fragte er sie in die Stille hinein: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?“

Es sollte eine normale Bootsfahrt sein. Die Jünger waren geübte Fischersleute auf ihrem See, dem See Genezareth. „Lasst uns hinüberfahren“, hatte Jesus gesagt. Sie machten das Boot fertig und legten ab. Da war nichts Aufregendes. Wieder einmal hatten sie einen vollen Tag hinter sich. Gefühlt tausend Begegnungen mit tausend Menschen. Jetzt war Feierabend. „Lasst uns hinüberfahren“ hat Jesus gesagt. Das Wasser war ihr Element.

Die Beine langesteckt fuhren sie in die hereinbrechende Nacht. Vielleicht sahen sie ein paar Lichter am Ufer oder von Schiffen in ihrer Nähe. Friedlich schipperten sie dahin. Jesus war eingeschlafen. Auch er war kaputt. Müde von einem langen Tag. Die Jünger setzen die Segel. Wenn keine Brise aufkommt, rudern sie. Das war ihr Element. Es plätschert so dahin an diesem Abend. Wohl tausend Mal sind sie schon über diesen See geschippert.

Manchmal plätschert unser Leben so dahin. Alles wie gewohnt. Schlafen, aufstehen, ein Kuss vor dem Gehen. Jeden Tag die gleichen Wege. Die Arbeit geht gut von der Hand. Der Arbeitsplatz ist sicher. Man hat sein Auskommen. Man ist gesund, kann sein Leben planen, fährt in den Urlaub. Manchmal plätschert das Leben so dahin. – Und plötzlich kann alles anders sein.  Ein Gewitter aus heiterem Himmel. Innerhalb von Sekunden oder Tagen steht alles auf dem Spiel. Angst macht sich breit. Das Wasser geht einem bis zum Hals. Nicht mehr schlafen können, nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen können, kein Kuss mehr vor dem Weggehen, keine Kraft mehr irgendetwas zu tun. Meterhohe Wellen im Leben und einen lauten Sturm im Kopf.

Der Sturm auf dem Meer – ein Bild für unser Leben. Manchmal fließt es ruhig dahin. Dann aber, vielleicht plötzlich und unerwartet, kommt der Sturm. Er kann aus dem eigenen Inneren kommen und er kann von außen kommen. Vielleicht drängen alte Ängste, Wunden, Verletzungen, eine nicht zugelassene Trauer, Hass, Unversöhnlichkeit nach oben. Was wir verdrängt haben, innerlich, fängt an mit unserem Leben zu spielen. Sehnsüchte oder Süchte schlagen große Wellen. Wir können nicht mehr verbergen, was für ein Sturm in uns brüllt. Die Seele tobt, wie ein Vulkan, der Magma aus der Tiefe in die Welt schleudert. Das Leben gerät in Seenot. Es droht alles unterzugehen.

Oder der Sturm kommt von außen: Ein Unfall. Ein Trauerfall. Arbeitslosigkeit. Eine Diagnose: Krebs. Die Ehe gerät in eine Krise. Der Partner hat eine andere. – Letzte Woche beim Primetime-Gottesdienst habe ich für eine Familie gebetet, die einen Sohn durch Krebs verloren hat, keine 18 Jahre alt, und deren Tochter nun einen schweren Autounfall hatte und nicht sicher ist, wie sie aus dem Koma aufwachen wird. Da schippert das Leben nicht mehr dahin.
Da packt einen die nackte Angst. Vielleicht Verzweiflung. Und vielleicht der Zweifel: Gott, wo bist du?

Die Jünger können nichts mehr tun. Sie sind am Ende mit ihrer Weisheit. Nach menschlichem Ermessen werden sie ins Dunkel gerissen werden und ertrinken. Sie haben nur panische Angst. Und Jesus schläft!

Der See Genezareth liegt über 200 m unter dem Meeresspiegel. Er ist von Bergen umgeben. Unten am See staut sich die Hitze. Bis über 40 Grad im Sommer. Ändert sich das Wetter, können kalte Winde von den Bergen herunter auf den See stürzen. Plötzliche starke Stürme sind die Folge. Erklären also kann man diesen Sturm. Ihn erleben aber ist etwas ganz anderes. Erklären kann man viele Krankheiten. Und wir haben vielleicht schon gesehen, wie es anderen ging, die arbeitslos wurden, bei denen die Ehe zerbrochen ist oder die ein Kind oder ihren Mann verloren haben. Aber jetzt müssen wir selber durch. Das ist etwas anderes. Dann wankt unser Leben. – Und Jesus schläft. In Seelenruhe. Kann man das auch auf unsere Lebensstürme übertragen?

Ich denke: JA. Das kann der Eindruck von Betroffenen sein. Ihr Leben wankt, es geht schwer rauf und runter, und Jesus ist nicht zu sehen. Sie schaufeln das Wasser aus ihrem Boot, um nicht unterzugehen, und Jesus hilft nicht mit. Das ist für Manche am Schwersten auszuhalten: Anderen hilft er, andere heilt er, mir hilft er nicht. Andere kommen schnell wieder auf die Beine, ich ertrinke! Früher hat er geholfen, wo ist er jetzt in meiner größten Not?

Die Jünger wecken Jesus. Nachdem sie alles versucht haben, sich selbst zu retten. Sie wecken ihn nicht ohne Vorwurf: „Ist es Dir egal, was mit uns passiert? Warum hilfst du nicht?“ Jesus steht auf, bedroht Wind und Wellen: „Sei still! Sei ruhig! Leg dich hin, Sturm. Leg dich hin, Meer!“ Und alles wurde still. Und in die Stille hinein sagt Jesus: „Habt ihr noch keinen Glauben?“ Wir wissen nicht, wie er es gesagt hat. Lag da ein Vorwurf drin? Vielleicht klang es ganz traurig. Enttäuscht, aber mitfühlend: „Mensch, warum könnt ihr mir denn nicht vertrauen?“

Was hätten sie denn getan, wenn sie ihm vertraut hätten? Wie hätte sich das gezeigt? Zum einen, dass sie Jesus von Anfang an geweckt hätten. Dass sie gleich als Erstes mit ihrer Angst, in ihrer Not, zu Jesus gekommen wären. Sie haben agiert und hektisch gehandelt, als hätten sie es vergessen, dass Jesus in ihrem Boot sitzt. Sie haben eindeutig sich selbst vertraut, ihrer Erfahrung, und Jesus erst geweckt und um Hilfe gebeten, als sie nicht mehr weiter wussten. Sie hatten keinen Glauben. Vielleicht haben sie sich geschämt, Angst zu haben, Hilfe zu brauchen. Viele Menschen kommen erst ganz spät zu Jesus, weil sie sich schämen, einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen. Sie versuchen es selbst, scheitern immer wieder, bis sie fast ertrinken. Sie wollen nicht klein sein vor Jesus oder vor einem Menschen, der ihnen helfen könnte.

„Jetzt hilft nur noch beten!“ sagt man so. Was für eine Dummheit. Wir traurig. Beten hilft von Anfang an. Beten ist nicht das Letzte, sondern das Erste. Manche Menschen müssen sich erst einmal so richtig verrennen in ihrem Unheil, immer wieder auf ihr Gesicht fallen, bis sie Jesus endlich „ins Boot holen“. Und vielleicht machen sie ihm dann noch Vorwürfe: „Wo warst du. Herr? Warum hast du nicht geholfen?“ Das Erste, woran man ihren Glauben hätte erkennen können, ist, dass sie als Erstes Jesus wecken, beten, zugeben, dass sie es alleine nicht schaffen.

Das zweite wäre, dass sie sich mit Jesus schlafen gelegt hätten. Dass Jesus schlafen kann, zeigt zuerst einmal, dass er keine Angst vor dem Sturm hat. „Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen“, sagt man. Gott vertrauen können, das ist auch ein sanftes Ruhekissen! Wer Gott vertraut, der kann gut schlafen. Wer Gott vertraut, kann ruhig bleiben. Ich glaube, es gibt viele Situationen, in denen wir von Jesus lernen könnten, uns von ihm anstecken lassen könnten, und ruhig schlafen könnten. „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht!“ hat schon der Prophet Jesaja gesagt. (Jes. 30,15)

Jesus ist in meinem Boot. Und wo er ist, da ist offensichtlich Ruhe. Wie gerne würde ich das immer schaffen, wie gut wäre das für jeden von uns, wenn wir das schaffen würden, zu ihm zu gehen, ruhig zu werden und uns mit ihm schlafen zu legen. Das hat etwas mit unserem Glauben zu tun, ob wir das suchen und ob wir das tun. Unglaube, Kleinglaube, kann sich auch in einer hohen Aktivität verstecken, der die Ruhe verloren gegangen ist.

Ich denke an Jesu Aufforderungen, uns nicht zu sorgen. „Macht euch keine Sorgen, was ihr dann reden werdet. Ich werde es euch zur rechten Zeit geben, was ihr sagen sollt.“ (Vgl. Mat 10,19) – Wie gelassen könnte ich sein, wenn ich darauf vertraue! „Macht euch heute keine Sorgen um Morgen. Der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigene Not hat.“ (Vgl. Mat 6,34) – Wie könnten wir das Heute genießen, das er uns schenkt, wenn wir nicht so einen kleinen Glauben hätten. Petrus fordert seine Leser auf:
Alle Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch!“ (1.Petrus 5,7)

Das kann man in jedem Fall aus dieser Geschichte lernen:
(1) Bete zuerst und (2) leg dich zu Jesus. (3) Hab keine Angst.

Wie lange hat es bei den Jüngern gebraucht in ihrer Seenot? Wie lange haben sie mit allen Kräften um ihr Leben gekämpft? Eine Stunde? Zwei Stunden? Eine Nacht? Wie gut sie es haben, dass Jesus ihrer ganzen Not dann ein Ende macht! Es gibt Menschen, die kämpfen länger. Auch Menschen, die ich kenne. Auch Menschen hier aus der Gemeinde. Sie haben Schmerzen. Seit Jahren. Sie bekommen Medikamente und Therapien. Aber die Schmerzen hören nicht auf. Tagelang können sie sich manchmal nicht bewegen. Und sie beten. Die ganze Zeit, von Anfang an. Und die Schmerzen bleiben. Oder sie können einen Verlust nicht überwinden. Oder sie können anderen eine Schuld nicht vergeben und leiden darunter. Es kostet sie viel. Oder sie schaffen es nicht, eine Sucht zu besiegen. Manche denken vielleicht „Ich warte nicht, bis mein Boot untergeht. Ich springe jetzt. Ich kann nicht mehr!“

Wer lange leidet, braucht viel Geduld, Demut und Treue. Und er braucht auch einen großen Glauben. Ich sage meine Meinung dazu. Ihr müsst sie nicht teilen. Aber ich finde Jesus oft oder in etlichen Einzelfällen schwer zu verstehen, wie er handelt, wo er handelt oder nicht handelt. Ich finde, so wie wir Menschen es empfinden, handelt Gott nicht immer gerecht. Wir sehen es zumindest nicht.

Den Guten muss es gut gehen, denken wir. Den Treuen, Frommen, hört Gott nicht auf zu beschenken, denken wir. Aber es gibt sie auch heute noch, die Hiobs, deren Leben ins Chaos gerät und die lange, lange, lange keinen Jesus erleben, der sich hinstellt und ihren Stürmen gebietet! Manchmal legt Gott Schweres ins Leben auch von seinen Kindern und er nimmt es nicht einfach wieder. Man muss darunter glauben. Man muss darunter treu bleiben. Man lernt darunter, Gott zu vertrauen und man erlebt seinen Segen und seine Treue ganz anders als die Menschen, wo das Leben so „dahinplätschert“. Nicht wenige Manche von diesen Hiobs sind Vorbilder im Glauben. Und wenn man sie besucht, ihnen begegnet, sie vielleicht auch für einen beten, dann geht man beschenkt.

Was ist die Erfahrung der Jünger auf dem See Genezareth? Was ist die erste Aussage, was sollten wir auf jeden Fall behalten? Jesus ist in deinem Boot! Das ist das Wichtigste! Der Kleinglaube erwartet, dass er immer auch sofort etwas tun muss. Das passiert nicht immer. Dem Glauben reicht es, dass er da ist. Jesus ist in deinem Boot. Das genügt. Setzte dich doch einmal in dein Lebensboot. Führe dir alle Sorgen, alle Ängste und alle Schmerzen deines Lebens vor Augen. Sieh deine Stürme an. Gib deinen furchtbaren Wellen einmal Namen. Du musst das alles nicht verdrängen. Aber dann mach es dir bewusst, freue dich daran, glaube es, sag es dir selbst und deinen Stürmen: Jesus ist in meinem Boot. Ich werde gewiss nicht untergehen! – Und es entsteht eine große Stille!

Amen.

Für diese Predigt habe ich u.a. profitiert von den Predigen im Internet von Dr. Ferdinand Kerstiens (kath.; 21.06.2009, Marl) und Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs (ev., 10.2.2019, Bad Teinach).

Katja Zimmermann: Ich bin bei dir

Ich bin bei Dir, Wenn die Sorge Dich niederdrückt, Wenn Dein Leben Dir sinnlos scheint, Dann bin ich da, Ich bin bei Dir, Auch wenn Du es nicht glauben kannst, Auch wenn Du es nicht fühlen kannst, Ich bin Dir nah. Und ich hab' alles in der Hand, Kenn' Dein Leben sehr genau, Ich weiß um alles, was Du brauchst, Tag für Tag. Hab keine Angst, Ich liebe Dich, Du kannst meinem Wort vertrau'n, und Du wirst seh'n wie ich Dich führe, Schritt für Schritt. Hab keine Angst, Wenn Du nachts nicht mehr schlafen kannst, Wenn Du grübelst, was vor dir ist, Du hast doch mich. Hab keine Angst, Auch wenn and're Dir zugesteh'n, Wenn Du meinst, dass Du wertlos bist, Ich liebe Dich. Und ich hab' alles in der Hand, Kenn' Dein Leben sehr genau, Ich weiß um alles, was Du brauchst, Tag für Tag.
Hab keine Angst, Ich liebe Dich, Du kannst meinem Wort vertrau'n, und Du wirst seh'n wie ich Dich führe Schritt für Schritt. Schritt für Schritt. Oh, welch ein Tag, Wenn Dein Leben sein Ziel erreicht, Wenn wir uns gegenübersteh'n, Und Du bist hier. Oh, welch ein Tag, Wenn die Trauer der Freude weicht, Und dann war, was verwirrend schien, Der Weg zu mir. Dann wirst du staunend mit mir seh'n, Alles Ende und Beginn, Mir war nicht einer Deiner Tage unbekannt, Und Du wirst glauben und verstehen, Alles hatte seinen Sinn, und Du wirst seh'n, Ich hatte alles in der Hand In der Hand.