Epheser 2, 4-10 Gottes große Barmherzigkeit

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg
03.03.2019 Pastor Norbert Giebel

Epheser 2, 4-10: „Gottes große Barmherzigkeit“

4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, 5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr gerettet –; 6 und er hat uns mit auferweckt und mit eingesetzt im Himmel in Christus Jesus, 7 damit er in den kommenden Zeiten erzeige den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. 8 Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, 9 nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.10 Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Liebe Marissa und Anna,
liebe Gemeinde

(Foto 1: Chorsänger)

diesen Text müssten wir eigentlich singen. Hier geht es feierlich zu und fröhlich. Hier wird nicht erzählt oder argumentiert. Hier wird gedichtet. Gott wird feierlich gelobt für das, was er an uns getan hat. Vermutlich war es ein Lied, das Paulus zitiert. Vielleicht sogar ein Tauflied, denn auf die Taufe wird angespielt. Wir haben einen großen Gott! Wir haben einen reichen Gott! Keiner ist herrlich wie er! Er zeigt uns, was wahrer Reichtum ist: Nicht, wer sich alles leisten kann, ist wirklich reich. Wirklich reich ist, wer reich an Liebe ist, wer barmherzig ist. So ist Gott reich: Reich an Barmherzigkeit und Liebe! Das muss man einfach singen!

Lied singen: „Gott der da reich ist .....“

Wir waren tot, haben wir gerade gesungen, in unseren Sünden. Wir haben uns selbst das Grab geschaufelt. Das ist Gottes Urteil über uns. Die Diagnose unsers Schöpfers. Wenn das Leben wirklich Liebe ist, Barmherzigkeit und Heiligkeit, dann waren wir tot: Liebe: mangelhaft. Barmherzigkeit: mangelhaft. Heiligkeit, leben wie es Gott gefällt: mangelhaft. Wir dürfen singen wie Tote, die auferweckt wurden, wie Menschen, die zu ihrem Verderben getrieben wurden – wie auf einem riesigen Wasserfall – und herausgefischt wurden, gerettet.

Das Leben auf dieser Welt sieht nicht so aus, wie Gott es sich gewünscht hat. Es mangelt den Menschen an Liebe und Erbarmen. In den Versen vor unserem Predigttext schreibt Paulus:

1 (...) In der Vergangenheit wart ihr tot; denn ihr wart Gott ungehorsam und habt gesündigt. 2 Ihr habt nach der Art dieser Welt gelebt und euch jener Geistesmacht unterworfen, die ihr Reich zwischen Himmel und Erde hat und von dort her ihre Herrschaft über diese Welt ausübt. Sie wirkt noch jetzt als Geist der Verführung in den Menschen, die sich Gott nicht unterstellen. 3 So wie sie haben wir alle früher gelebt. Wir haben uns von unseren selbstsüchtigen Wünschen leiten lassen und getan, was unsere Triebe und Sinne verlangten. 4 Darum waren wir wie alle anderen Menschen nach unserer ganzen Wesensart dem Strafgericht Gottes verfallen. ...

Und DANN kommt unser Predigttext: „ABER Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, er hat uns in seiner großen Liebe lebendig gemacht.“ Gott liebt euch beide, Anna und Marissa, Gott liebt niemanden theoretisch. Gott liebt nicht weit weg, distanziert, wohl mit leidend aber untätig. Gibt es überhaupt eine Liebe, die nicht zum Tun bereit ist? „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ hat Erich Kästner gesagt. Eine Liebe, die nichts tut, wäre eine unsichtbare, eine wirkungslose Liebe. Das wäre gar keine Liebe. Gottes Liebe kann man daran erkennen, was er getan hat!

Ich sage es euch beiden zu, Marissa und Anna: Gott hat euch mit Christus lebendig gemacht! Ihr seid mit Christus dem Tod entronnen! Neues Leben ist in euch, das nie aufhören wird. Alles das dürfen wir euch heute auch in der Taufe zusagen. „Gott hat euch mit Christus auferweckt!“ schreibt Paulus. Das ist Taufsprache. In der Taufe wird der alte Mensch, der Gott nicht gehörte, mit gekreuzigt und der Täufling bekommt Anteil an der Auferstehung Jesu. Das ist Taufsprache (vgl. Römer 6). Das Untertauchen symbolisiert den Tod und das Auftauchen aus dem Wasser die Auferweckung. Mit der Taufe eignet sich der Getaufte die Auferstehung an. So entsteht eine neue Wirklichkeit. Gott macht uns lebendig. Wir sind wie Gefangene, die frei geworden sind. Wie Todgeweihte, die eine völlig unerwartete neue Hoffnung haben. Da muss man einfach singen. Das muss man einfach loben.

Vielleicht denkt ihr jetzt und vielleicht denken viele von uns jetzt: „So schlimm war das gar nicht mit meiner Sünde.“ Ich habe keinen getötet, nicht die Ehe gebrochen, niemandem Gewalt angetan. Tot in Sünde heißt, praktisch ohne Gott leben. Das kann auch unter dem Mantel der Wohlanständigkeit passieren. Selbst unter einem frommen Mantel kann man sein Leben letztlich nur für sich selbst leben. Nämlich da, wo nicht Gott uns in seiner Hand hat, sondern wir ihn in unserer Hand haben wollen. Wo Gott nur unser Diener sein soll, unser Glücksbringer, da haben wir es mit einem falschen Gott zu tun. Da sind wir ohne Gott. Und eben das ist unsere Sünde! Dass wir uns in unserem Leben nur um selbst drehen.

(Foto 2: Frau mit erhobenen Händen)

Anbetung ist die richtige Reaktion auf das, was Gott geschenkt hat. Anbetung nicht als ein oder zwei Lieder, die man im Gottesdienst singt. Auch nicht als Anbetungszeit, in der man dreißig Minuten oder länger Gottes Liebe rühmt. Anbetung als Lebensform, das ist die richtige Reaktion: Betend leben. Fröhlich und dankbar vor Gott leben! Liebevoll, hilfsbereit Menschen begegnen. Sich selbst nicht mehr so wichtig nehmen. Nicht zornig reagieren müssen, nicht beleidigt sein, nicht empfindlich nur auf die eigenen Bedürfnisse achten. Wer anbetend lebt, gibt Gott die Ehre. Und er wird angesteckt von der reichen Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Und das zeigt sich in Taten. Wer nur singt und nichts tun will, will Gott beschwichtigen. Der bringt Gott Opfer, die ihm nicht gefallen.

Das ist Paulus‘ Überzeugung: Als wir gerettet wurden, wurden wir verändert. Da wurde Gottes Liebe in unser Herz gegossen. (vgl. Röm 5,5) Wir haben einen anderen Stand bekommen. Wir sind nicht halbtot nach unserer Rettung, wir leben! Wir sind mit auferstanden und mit eingesetzt im Himmel! Wir herrschen mit Christus! Das sind Aussagen des Glaubens! Dass wir tot waren, ist auch ein geistliches Urteil. Menschen können sich für sehr lebendig halten und in Gottes Urteil sind sie tot.

Dass wir mit Christus zu einem neuen Leben auferweckt wurden, ist auch eine Glaubensaussage: Man sieht es uns leider oft nicht an! Wenn wir auf uns selber sehen, mögen wir es selbst nicht glauben: Wie kümmerlich unfrei leben wir oft als Christen. Wie beschämend brüchig kann unsere Liebe sein. Wie beleidigt können auch Christen reagieren. Und wie untätig können sie sein, wenn Menschen in Not sind.

Leben, was wir sind, das bleibt eine lebenslange Aufgabe. Wir haben zwei Hunde in uns:
Einen guten und einen Bösen. Aber wir entscheiden, welchen wir füttern. Beide Hunde in uns sind stark. Der mit Gott verbunden ist aber auch
der noch, für den Gott keine Rolle spielt, der ohne Gott leben will. Aber wir entscheiden, welchen Hund wir füttern, wo wir unsere Kraft herholen.

Eine neue Freiheit, Wachsen in der Liebe, dass Gott unser Wesen mehr und mehr prägt, dass unser Glaube immer weiter reift, das sind Gottes Möglichkeiten, das hat er uns versprochen! Aber es bleibt dabei: Wir sind gerettet allein aus Gnade. Gottes Geschenk ist es, schreibt Paulus. Immer wieder. Jeden Tag. Ein Geschenk, das nie kaputt geht: Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, er hat uns in seiner großen Liebe, die wir tot waren in Sünden, mit Christus lebendig gemacht.

„Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen!“ sagt Paulus einmal. Wohl wahr. Wir haben diesen Schatz in zerbrechlichen, rissigen, oft unschönen Biographien, Charaktereigenschaften, Eigenarten. Wir sehen oft nicht sehr königlich aus! Aber wir haben diesen Schatz!

(Foto 3: Ziegenbock)

Wir haben diesen Schatz, weil Gott einen Sündenbock für uns geschaffen hat. Okay, das steht jetzt nicht so im Text, aber vielleicht können wir so noch einmal neu verstehen, wie Gott uns gerettet hat. Wer im Internet Bilder mit dem Stichwort Sündenbock sucht, werden Bilder vorgeschlagen von Politikern, Fußballtrainern, Managern oder Ausländern. Sie alle sind Sündenböcke für Missstände in der Gesellschaft, für den schlechten Tabellenplatz der Fußballmannschaft oder für die Arbeitslosigkeit. Menschen schaffen sich Sündenböcke! Es muss jemand Schuld haben! Es muss jemand bestraft werden! Es muss jemand in die Wüste geschickt werden. So wird das Wort Sündenbock heute verstanden.

Hier auf dem Bild haben wir einen anderen Sündenbock. Es ist ein Gemälde des englischen Malers Holman Hunt. Er hat es 1855 gemalt. Es trägt den Titel „Sündenbock!“ Der Ziegenbock steht mit eingeknickten Vorderbeinen am Rand einer Ebene. Für uns nicht so gut zu erkennen: Ein Stück links von ihm liegen die Hörner eines anderen Ziegenbocks. Ein Stück rechts von ihm liegt ein weiteres Tierskelett. Die ganze Landschaft ist in ein rötliches Licht getaucht: Abendsonne. Der Tag geht zu Ende. Auch der Ziegenbock ist am Ende. Am Ende seiner Kraft. Er ist erschöpft. Er verhungert. Er verdurstet. Das Fell ist verfilzt. Die Ohren hängen schlapp herunter. Der Boden ist tief. Seine Beine sinken ein. Dieser Bock ist kurz davor, zu verrecken.

Am großen Versöhnungstag in Israel nahm der Hohepriester zwei Böcke. Einer der Böcke wurde getötet als Sündopfer für das Volk. Der andere war der Sündenbock, der in die Wüste getrieben wurde. Der Hohepriester legte diesem Bock die Hände auf den Kopf und bekannte die Sünden des Volkes! Damit sollten alle Sünden auf den Bock übertragen werden. Dann wurde er in die Wüste gebracht und dem Elend überlassen. Er sollte die Strafe tragen, die das Volk verdient hatte. Einer muss die Sünden tragen. Gott kann keine Sünde zu sich lassen. Das ist unser Tot.

Gott selbst ist sozusagen in seinem Sohn unser Sündenbock geworden. Jesus hat unsere Schuld getragen! Jesus hat gelitten mit zweien an seiner Seite! Jesus ist verdurstet, verhungert, gestorben, mit gebrochenen Beinen, als die Sonne unterging. Darum brauchen wir niemanden mehr zum Sündenbock machen. Unsere, aber auch die Sünden des anderen, der glaubt, dürfen wir in der Wüste wissen. Von Gott selbst, der da reich ist an Barmherzigkeit, weit weg getragen.


(Foto 4: Mädchen lässt sich in die Arme von anderen fallen)

Vertrauen ist nötig, um sich fallen zu lassen! „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es!“ schreibt Paulus. Das Mädchen prüft die Situation, bevor es sich fallen lässt. Davon gehe ich einmal aus. Sie kennt die anderen Kinder und kann ihnen vertrauen. Davon können wir ausgehen. Sie sieht fröhlich dabei aus, finde ich. Aber dann lässt sie sich fallen. Ohne Vertrauen wird sie es nicht erleben, aufgefangen zu werden.

Für mich ist das ein Bild für den Glauben und für die Taufe. Man lässt sich selber los. Weil man vertraut.             Man vertraut sich Gott an. Man gibt sich selber hin. – Schade, dass wir nicht an einem See taufen. Da könnten die Täuflinge mit Anlauf ins Wasser springen. So eine herrliche Sache ist das, Gott zu vertrauen, in seine Arme zu springen.

Glauben ist das Finden eines Du, das mich trägt.“ hat Joseph Ratzinger gesagt. Wir kennen ihn auch als Papst Benedikt XVI. Gott als den zu erleben, der uns auffängt, das ist ein Geschenk. Es ist nur Geschenk, reines Geschenk, ein unverdientes Geschenk. Selbst bei einem Lottogewinn hätten wir mehr für unser Glück getan: Wir hätten ein Los gekauft! Wir hätten auch etwas getan! Bei dem was der reiche Gott für uns getan hat, haben wir nicht einmal das getan: Nicht einmal ein Los haben wir gekauft. Seine ausgestreckten und festen Hände sind nur Geschenk. Und wir erleben seinen Reichtum nicht, weil wir irgendetwas hinzugetan hätten oder hinzu tun könnten. Wir erleben es nur, weil wir darauf vertrauen und uns fallen lassen.

Ein bisschen Mut gehört dazu, sich fallen zu lassen. Liebe, auch Liebe anzunehmen, und Liebe erwidern, braucht immer etwas Mut. Aber das Schönste ist es dann, sich wirklich fallen zu lassen. Da wird gelacht und gejubelt. Gott steht hinter uns. Er hat alles für uns getan. Wir brauchen uns nur noch fallen lassen. Gott stellt dich sozusagen auf die Kante, aber du musst dich fallen lassen.

(Foto 5: Baum mit vielen Früchten)

Wer sich bei Gott fallen lässt, der bringt auch gute Früchte. Gott hat gute Werke für uns vorbereitet. Gott hat gute Taten, liebevolles Verhalten, Schritte der Versöhnung für uns geschaffen: Wir brauchen nur noch darin leben. Paulus macht ein Wortspiel daraus: Wir sind nicht gerettet aufgrund von Werken, wir sind doch sein Werk, aber geschaffen zu guten Werken, die er schon für uns bereitet hat, damit wir darin wandeln. Selbst was wir Gutes erkennen, reden oder tun, kommt von ihm. Er schenkt es uns, wir müssen nur noch darin leben.

(Foto 5: Taufe im See)

Taufe bedeutet, sich in Gottes Arme fallen zu lassen.
Taufe bedeutet, anzunehmen, was Gott für uns getan hat.
Den alten Menschen ersäufen, den neuen Menschen anziehen.
Taufe ist Adoption. Da werden Menschen von Gott adoptiert.

Gleich werden wir Zeugen sein, wie zwei Menschen, die Gott schon kennen und ihm vertrauen, in seine Arme fallen, und wie sie sichtbar Gottes ganze Gnade geschenkt bekommen.

Amen.

 
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