Apg 16, 23-34 Sie lobten Gott um Mitternacht

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Predigt Pastor Norbert Giebel   17.3.2019

Apg. 16, 23-34          „Sie lobten Gott um Mitternacht!“

Textlesung von anderer Person vorweg

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. 25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. 26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. 27 Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. 28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! 29 Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. 30 Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? 31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! 32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. 33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde,

sie lobten Gott um Mitternacht.

Aber was war das für eine Nacht! Sie wurden nackt verprügelt. Sie sind über sie hergefallen. Männer, die das Prügeln gewohnt waren. Die ihren Spaß dabei hatten. Die ihre Wut dabei herausließen. Und sie hatten die offizielle Erlaubnis dazu. Die Stadtrichter hatten es befohlen. Und sie hatten doch gar nichts getan. Nichts Böses. Nichts Ungesetzliches. Sie kamen nach Philippi und haben den Menschen von Jesus Christus erzählt. Sie haben gepredigt.

Eine Frau lief ihnen ständig hinterher. Eine Wahrsagerin wie sich zeigen sollte. „Diese Leute sind Diener des höchstens Gottes!“ rief sie. „Diese Leute zeigen euch den Weg zur Rettung!“ Sie kam jeden Tag und störte. Das war kein freies Bekenntnis, was sie da sprach. Sie musste es sagen. Innerlich gedrängt. Abhängig von einer Kraft in ihr. Sie nervte. Sie hatte Recht, aber sie störte. Sie war nicht zur Ruhe zu bringen. Bis Paulus und Silas diesem Geist in ihr geboten, sie frei zu geben. Plötzlich war die Frau ruhig. Man konnte wieder mit ihr reden.

Aber sie konnte nicht mehr weissagen und das war schlecht für ihre Herren. Die hatten ihre Sklavin gegen Geld vielen Menschen wahrsagen lassen. Jetzt war die Frau frei aber ihr Geschäft war kaputt. Die Herren der Sklavin hatten Paulus und Silas angezeigt. „Diese beiden sind Aufrührer“ behaupteten sie. „Sie bringen unsere Ordnungen durcheinander. Sie sind Juden und sie bringen eine neue Richtung. Sie fordern die Leute auf, anders zu handeln als es sich gehört für römische Bürger!“

Das reichte den Stadtoberen für ihr Urteil. Mehr brauchten sie nicht hören. Die Kläger waren einflussreiche Geschäftsleute. „Stöcke!“ haben sie vielleicht nur gesagt. Da wussten die Schläger schon bescheid. Sie rissen Paulus und Silas die Kleider vom Leib. Nackt standen sie da und die Männer begannen auf sie ein zu prügeln. Als sich die Schläger ausgetobt hatten, wurden sie dem Gefängnisaufseher übergeben. „Pass gut auf sie auf!“ wurde ihm eingeschärft. „Das sind „Politische“! Unruhestifter. Du weißt schon. Das sind die Schlimmsten. Lass sie nicht abhauen!“ Der Gefängniswärter schleppte sie in die hinterste Zelle. Er holte zwei Blöcke, zwei schwere Holzgestelle. Er spreizte die Beine der beiden Verletzten, bis ihre Füße in die Löcher des Blocks hineinpassen. Dann ging er uns schloss die Tür ab.

Sie lobten Gott um Mitternacht. Aber was war das für eine Nacht! Es war dunkel. Die Wunden schmerzten. Sie hatten Durst. Blut und Dreck hatten sich vermischt. Und sie konnten sich kaum bewegen. Morgen würde sie das Fieber packen. Sie waren bloß gestellt, entwürdigt, verletzt, der Willkür ausgesetzt. Und als sie sich bewusst werden, wo sie sind, als sich ihr Atem beruhigt, als sie wieder Luft bekommen, da fangen sie an zu singen! Sie loben Gott um Mitternacht.

Was ist das für ein Glaube? Was ist das für ein Gott? Normal wäre gewesen, wenn es etwa so weiterginge: „Um Mitternacht aber klagten und schimpften Paulus und Silas so laut, dass es die anderen Gefangenen hörten.“ Absolut verständlich, menschlich, angemessen wäre es gewesen, wenn die Geschichte so weiterginge: „Um Mitternacht weinten Paulus und Silas bitterlich. Die Schmerzen waren fürchterlich. Sie hatten keine Hoffnung mehr.“

Keine Rede davon. Die beiden sind nicht verrückt, sie haben nicht den Verstand verloren, sie können ihre Situation absolut einschätzen. Aber da ist noch etwas Größeres: Vertrauen! Sie wissen: Jesus Christus ist bei ihnen! Das ist schon Trost. Und sie wissen: Ihr Leben ist in seiner Hand. Sie freuen sich an Jesus, darum singen sie.

Jetzt ist Paulus in Philippi im Gefängnis. Später wird er in Ephesus oder Rom im Gefängnis sein und den Philippern von dort aus dem Gefängnis einen Brief schreiben, und darin wird er schreiben: „Freut euch in dem Herrn auf allen euren Wegen. Ich sage es noch einmal: Freut euch! Lasst alle Menschen eure Güte sehen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern lasst Gott alle eure Bitten hören, mit Flehen und mit Dankesworten! Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!“

Das ist es, was Paulus und Silas schon hier erleben: Der Herr ist nahe! Ich darf alle meine Sorgen auf ihn werfen. Der Friede Gottes ist höher als alles, was mit in diesem Leben begegnen kann. Keine Ahnung, ob die schön gesungen haben. Was sie gesungen haben, schreibt Lukas auch nicht. Aber wem sie gesungen haben, das wird gesagt: Sie lobten Gott! Nicht weil es ihnen in ihrem Loch gefallen hat, sondern weil sie wussten: Er kann alles ändern. Und weil sie bereit waren, den Weg zu gehen, den er sie führen würde.

Sie loben Gott um Mitternacht, wo noch überhaupt keine Sonne zu sehen ist, wo die Nacht am Schwärzesten ist. So wie die Sklaven in Nordamerika ihre Gospels gesungen haben. Die Schwarzen wurden schlimmer als das Vieh behandelt. Familien wurden zerrissen. Aufseher auf den Baumwollfeldern haben die schwarzen Sklaven ausgepeitscht. Und sie haben gesungen: „We shall overcome! We shall overcome!“ “Oh freedom, of freedom, oh freedom over me!” “He’s got the whole world in his hand!”

So wie Dietrich Bonhoeffer, der im Dritten Reich im Gefängnis saß. In einem seiner Briefe aus dem Gefängnis schreibt er, dass er nachts die Ketten der anderen Gefangenen in den Zellen neben sich hört. Sie konnten genau so wenig schlafen wie er. Und Bonhoeffer singt mitten in seiner Nacht. Er schreibt das Lied: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen Und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Was ist das für ein Glaube? Was ist das für ein Gott, der Menschen so festhält!? Was ist das für eine Freude, die in den dunkelsten Stunden von Menschen nicht tot zu kriegen ist? Dietrich Bonhoeffer wird hingerichtet. Aber er sein Glaube und seine Treue haben Millionen von Menschen ermutigt. Nicht nur seine Mitgefangenen. So war es auch bei Paulus und Silas: Sie loben Gott um Mitternacht.

Und die anderen Gefangenen hörten es.

Singen ist auch Predigen, Glauben bekennen, andere anstecken. Die Mitgefangenen sehen, was wirklich hält. Sie wissen auch, wie das ist, verprügelt im Dreck zu liegen. Aber sie hören kein Kettengerassel von nebenan. Sie hören wie die beiden Neuen sich an Jesus freuen, wie sie getröstet sind, wie sie vertrauen können.

Im Morgengebet von Dietrich Bonhoeffer betet er unter anderem: In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht. Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich. Und das Gebet Bonhoeffers endet: „Herr, was dieser Tag auch bringt, dein Name sei gelobt! Amen!“

Was ist das für ein Gebet! Wie stark können Menschen andere ermutigen, anstecken, überzeugen, die in tiefster Not Halt haben. Dietrich Bonhoeffer wird ermordet. Paulus und Silas kommen frei.

Plötzlich wanken die Mauern!

Sie singen noch, da wanken die Mauern. Die Erde bebt. Steine fallen aus der Wand. Ketten lösen sich. Menschen werden frei. Gebete können Mauern wanken und einstürzen lassen. Das hat Deutschland auch vor 30 Jahren im November 1989 erlebt, als die Berliner Mauer gefallen ist. Am 9.11. werden wir dessen gedenken.

In der Zeitung wird stehen „Erdbeben hat Philippi erschüttert!“ Aber für die im Gefängnis war es ein Wunder, die Antwort Gottes auf das Vertrauen dieser beiden Männer. Gott hat eingegriffen. Viele von uns hier könnten erzählen, wie Gott sie gehalten hat, als es ihnen schlecht ging, wie er ihnen neue Hoffnung gegeben hat, wie er sie neue Wege geführt hat. Gebete können Mauern wanken lassen. (Hinweis auf Gebetsdienst nach dem Gottesdienst)

Der Gefängniswärter schreckt hoch.

Ein Erdbeben. Was ist mit den Gefangenen? Wären sie alle verschüttet, das wäre nicht so schlimm. Aber wenn sie frei gekommen wären, das wäre sein Verderben. Sie würden ihn bestrafen, entlassen, vielleicht selber ins Gefängnis werfen. Er stürzt zu den Zellen. Alle Türen sind auf. Und es ist ruhig. Er zieht seine Waffe, er will sich in sein Schwert stürzen.

Dieser Mann hat nichts, was ihn halten würde. Er hat kein Vertrauen. Zu wem auch? Nie-mand würde sich seinem Leiden entgegenstellen. Schande würde über ihn kommen. Seine Arbeit würde er verlieren. Vielleicht würden sie ihn mit Stöcken schlagen. Der Aufseher kann damit nicht leben. Er hat nicht mehr im Leben als seinen Ruf, seine Stellung seine Arbeit. Er wäre ein Nichts ohne alles das. Sein Leben hätte seinen Sinn verloren. Sein Ruf, seine gesellschaftliche Stellung, seine Arbeit ist der Sinn in seinem Leben.

Seit Jahren liegt die Zahl der Suizide in Deutschland bei rund 10.000 Todesfällen im Jahr. Damit sterben in Deutschland doppelt so viele Menschen durch Selbstmord wie bei Ver-kehrsunfällen. Weitere 100.000 versuchen sich das Leben zu nehmen. Erhängen ist mit rund 40% die häufigste Methode. Deutlich mehr Männer nehmen sich das Leben als Frauen. Ursachen sind psychische Erkrankungen und Ereignisse in ihrem Leben, die sie nicht unter die Füße bekommen. Das soziale Umfeld spielt eine Rolle. Einsamkeit. Das Gefühl, in einer Lage zu sein, die keiner mit aushält, wo niemand helfen kann. Einsamkeit und Hoffnungs-losigkeit. Die vielen Suizide sind ein Zeichen, wie verzweifelt Menschen sein können. Viele Menschen. Andere ziehen sich zurück, niemand sieht nach ihnen oder hat Interesse. Andere fliehen in Süchte.

Der Gefängniswärter jedenfalls hat keine Hoffnung mehr. Was er auf sich zukommen sieht, mein er nicht durchleben zu können. „Tu’s nicht!“ ruft Paulus. „Wir sind noch alle hier!“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Gefangenen das Wohl ihres Wärters im Blick hatten. Vielleicht haben sie noch gar nicht begriffen, was passiert ist. Vielleicht warteten sie auf Anweisungen von Paulus und Silas. Sicher haben sie dieses Wunder mit ihnen in Verbindung gebracht.

„Licht“ ruft der Schließer. Er war nicht alleine gekommen. Jemand bringt ihm eine Fackel. Und er findet die Gefangenen frei in ihren Zellen sitzen. Gerade wollte er sich töten, jetzt hat er sein Leben wieder. Auch er bringt dieses Wunder mit Paulus und Silas in Verbindung. Zitternd fällt er vor den beiden auf die Knie. „Ihr Herren,“ sagt er zu beiden, die immer noch im Dreck sitzen. „Ihr Götter oder Engel oder was ihr seid: Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“

Diese Freiheit, die sie haben, möchte er auch haben. Sein altes Leben steht gar nicht mehr im Focus. „Was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ fragt der Aufseher. Paulus und Silas erzählen ihm von Jesus. Er ist Römer, hat keine Ahnung vom Gott Israels.
In der Kraft, in der Ruhe, im Frieden dieser Männer, hat wer Gott erkannt.

Auch der Aufseher wird frei.

Er tut etwas, dass er sich nie hätte denken können. Er handelt gegen seine Befehle. Er riskiert seinen Job. Er hilft den beiden auf, führt sie heraus, bis in seine Wohnung. Dort versorgt er sie und wäscht ihre Wunden. Seine Familie und seine Sklaven kommen hinzu. Die beiden Knackis machen eine Hausevangelisation. Sie predigen, verkündigen, bekennen, erzählen von Jesus. Der Auferstandene sei immer bei ihnen gewesen! Alle kommen zum Glauben. Alle lassen sich noch in dieser Nacht taufen. Und es wird ein großes Fest gefeiert.

Was Gott schenkt, das ist immer mehr als alles Leid dieser Welt uns nehmen kann.

Der Wachmann weiß nicht, wie sein nächster Tag laufen wird. Aber jetzt hat er auch diese Kraft, diese Zuversicht. Dem Gott, der Gefangene befreien kann, dem will er auch gehören. Paulus und Silas werden am nächsten Tag freigesprochen und laufen gelassen. Sie haben Schweres erlebt, aber es sind Menschen dadurch zum Glauben gekommen. Lukas, der Mitarbeiter von Paulus, der Arzt, der diese ganze Geschichte aufgeschrieben hat, er endet seinen Bericht mit den einer Bemerkung zu dem Wachmann und seinen Angehörigen: „Er und alle die seinen waren überglücklich, dass sie zum Glauben an Gott gefunden hatten!

Amen.

Mit Gewinn habe ich gelesen die Predigt von Jens Märker zum selben Text( predigtpreis.de).

 
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