Joh 19, 16-30 Der gekreuzigte König. (Karfreitag)

Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Predigt Norbert Giebel; Karfreitag 19.4.2019

Johannes 19, 16 – 30  „Der gekreuzigte König

Im Verlauf des Gottesdienstes wurden Texte aus der Passionsgeschichte aus dem Johannesevangelium gelesen. Zuletzt Joh. 19, 25-30.

1. Es ist eine Schande, wie Jesus stirbt.

Es ist eine Schande wie Jesus umgebracht wurde. Verhaftet, verhört, ausgepeitscht, hingerichtet wie ein Schwerverbrecher. Das Kreuz ist nicht irgendein Tot. Wer am Kreuz stirbt oder erhängt wird, gilt als verflucht von Gott. So sagt es das Gesetz des Mose (5. Mo 21, 23). So einer verunreinigt das ganze Land! Es ist eine Schande, wie die Soldaten den schon schwer Geschlagen verspotteten, bespuckten, aufzogen und quälten. Das ist eine Schande, wenn das auch nur einem Menschen auf der Welt passiert! Egal welcher „Schurkenstaat“ oder welche „Weltmacht“ Menschen so etwas antut. Folter ist eine Schande für die Menschheit. Am Kreuz können wir sehen, wozu wir Menschen fähig sind!

Es ist eine Schande, mit welcher kriminellen Energie, mit wie viel List die führenden Juden den römischen Stadthalter Pilatus herumbekommen haben, Jesus kreuzigen zu lassen. Außerhalb der Stadt wird Jesus gekreuzigt, vor der Stadt, so, dass Jerusalem rein bleibt für das Passahfest. So einer gehört ausgestoßen aus Israel. Nackt hängt er am Kreuz. Der nackte Mensch, den nichts mehr schützt. Alle Menschlichkeit, alle Zerbrechlichkeit, alle Scham wird sichtbar. Und die Soldaten teilen sich seine Kleider. Das ist der Gewinn, den sie sich von diesem Leiden versprechen.

2. Es ist ein Skandal, was Pilatus tut.

Pilatus war ein Feigling. Ein Diplomat ohne Rückgrat. Ein Politiker, dem es nur um seine Macht ging. Er forschte nach der Wahrheit. Als er sie fand, war sie ihm egal. Er meinte politisch handeln zu müssen, um seine Macht zu erhalten. Politisch kann auch ein anderes Wort für sein unrecht. Für feige. Pilatus suchte den Weg des kleinsten Widerstands. Das eine ist die Wahrheit. Was machbar ist, ist etwas anderes.

Pilatus konnte die Stimmung im Judentum nicht einschätzen. Dieser Jesus war als König Israels vom Volk empfangen worden. Sie feierten ihn. Er hatte ohne Frage Einfluss auf viele. Die Hohepriester aber, die Schriftgelehrten, die Oberen, sie wollten ihn kreuzigen lassen. Rom ist ein Rechtsstaat. Es gibt Gesetze. Jeder im römischen Reich kann sich auf seine Rechte berufen. Rom ist kein „Schurkenstaat“. Auch Pilatusmuss sich an die Gesetze halten! Aber was Recht ist, das ist für sein Handeln nicht ausschlaggebend. Menschliche Interessen entscheiden. Politisches Kalkül.

Die maßgeblichen Juden wollen Jesus gekreuzigt sehen. Pilatus aber will sich von ihnen nichts vorschreiben lassen. Es soll nicht so aussehen, als hätten sie die Entscheidung getroffen. Aber leben lassen kann er Jesus auch nicht. Pilatus will Ruhe im Land. Es ist schrecklich, wohin es führt, wenn Menschen nicht mehr nach Recht und Unrecht fragen, wenn sie die einfachste Lösung suchen, wenn sie ein Spielball von Interessen werden.

Die Kreuzigung Jesu war ein Justizmord einer Weltmacht! Auch nach damaligen Verhältnissen war sie Unrecht. Pilatus war ein Feigling. Er sieht weg, obwohl er weiß, dass ein zum Himmel schreiendes Unrecht passiert. Statt Zivilcourage zu zeigen, wäscht er seine Hände in Unschuld! Niemand aber kann sich dieses Blut selber von den Händen wachsen.

3. Es ist ein Zeichen, was auf dem Schild steht.

Pilatus musste sticheln. Er musste noch mal zeigen, wer der Herr des Verfahrens ist. Er musste die führenden Juden noch einmal provozieren. Darum lässt er als Grund für die Kreuzigung Jesu bekannt machen: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“. In drei Sprachen lässt Pilatus es auf das Schild schreiben. In der Amtssprache Latein, in der Weltsprache Griechisch und in der Hebräisch, der Sprach der Juden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Grund der Verurteilung auf einem so genannten Titulus, einem Schild am Kreuz, genannt wird. Jeder, der von dieser Seite nach Jerusalem kommt, kann es lesen, wer da hängt: „Der König der Juden“. Das ist eine andere Bezeichnung für den „Messias“.

Pilatus war beeindruckt von Jesus. Mehrfach zog er sich zu Gesprächen mit ihm zurück. Jesu Furchtlosigkeit beeindruckte ihn: „Weißt du nicht, dass ich über deinen Tod entscheide?“ fragt Pilatus? „Fürchtest du mich nicht?“ „Bist du ein König?“ (19,10; 18,37) Du sagst es!“ antwortet Jesus. „Ich bin ein König. Dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge!“
Aber: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“
(18,37 + 36) Der Mann ist gelehrt. Der Mann ist mutig. Aber er ist kein Aufrührer. Pilatus ist beeindruckt. Er will ihn frei lassen. (18,39 + 19,12)

Mit Mühe bewegen die Hohepriester den Vertreter Roms zum Todesurteil. Was hat er mit innerjüdischen Streitigkeiten zu tun? (18,35) „Ich finde kein Unrecht an ihm!“ sagt Pilatus zwei Mal. (18,38; 19,6) „Du kannst ihn nicht frei lassen!“ sagen sie. „Du kannst niemand frei lassen, der sagt, er sei der König der Juden! Was werden sie in Rom dazu sagen?“

Pilatus lässt Jesus kreuzigen. Seine Soldaten müssen es tun. Juden hatten nicht das Recht, die Todesstrafe zu verhängen oder zu vollziehen. Vielleicht hat Jesus das Schild schon um den Hals getragen auf dem Weg nach Golgatha. Auch das wäre nicht ungewöhnlich gewesen. „Jesus von Nazareth. Der König der Juden!“ Und viele Juden und Römer lasen es! Die Hohepriester protestieren. „Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben!“ entscheidet Pilatus. Und der Römer wird ungewollt zu einem Propheten, zum ersten Verkündiger des gekreuzigten Christus.

4. Es ist ein Segen, wie Jesus Familie stiftet.

Johannes berichtet manches nicht, was in anderen Evangelien berichtet wird. Er erzählt nichts davon, dass Jesus auf dem Weg nach Golgatha zusammenbrach und die Soldaten einen vorbeigehenden Mann zwangen, das Kreuz zu tragen. Johannes erzählt die Kreuzigung gar nicht, er erwähnt sie nur. Man hört keinen Hammer. Man sieht kein Blut. Jesus schreit nicht vor Schmerzen. Er schreit nicht, dass Gott ihn verlassen hat.

Johannes will Jesu Leiden nicht ausmalen. Er will zeigen, dass Jesus treu war bis zuletzt.
Im Leiden sieht und denkt Jesus an die Menschen, die zu ihm gehören. Johannes, einer der Zwölf steht nicht weit weg. Mit ihm stehen drei Marias unter dem Kreuz: Maria, die Mutter Jesu. Seine Tante, Maria, die Frau von Klopas, und Maria Magdalena, seine treue Jüngerin. Sieben Dämonen hatte er von ihr ausgetrieben (Luk 8,2). Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Leben. Dann wurde sie zu einer seiner treuesten Unterstützerinnen Jesu (Lk 8,3)

Der leidende Jesus sieht seine Menschen unter seinem Kreuz! Und er stiftet eine neue Gemeinschaft. Es sind seine letzten Worte an Menschen: „Frau,“ sagt er zu seiner Mutter. „Siehe das ist dein Sohn!“ sagt er und weist auf Johannes. Und zu Johannes gewendet: „Siehe, das ist deine Mutter!“

Unter dem Kreuz macht Jesus Menschen füreinander verantwortlich! Er sieht, was sie brauchen, und er verbindet sie. Die Menschen unterm Kreuz werden eine Familie! Da gibt es konkrete Verantwortungen für konkrete Menschen. Zwei Männer werden Brüder. Zwei Frauen werden Schwestern. Junge Menschen bekommen Großmütter in der Gemeinde und unterstützen sie. Alte erkennen Jugendliche als ihre Enkel an und unterstützen sie. Ganz bestimmte Menschen werden für ganz bestimmte Menschen verantwortlich. Jesus bindet Menschen zusammen.

6. Es ist Rettung, was Jesus bewirkt.

Johannes und alle Evangelien berichten, was geschehen ist. Am Ende stirbt Jesus nackt, entehrt, verachtet. Aber alle Evangelien zeigen auch, dass Gott selbst darin am Werk ist. Gott handelt. Alles, was hier passiert, geschieht „nach der Schrift“, so wie es Propheten vorausgesagt haben. Die Soldaten würfen um Jesu Untergewand. In Psalm 22 lesen wir von einem leidende Gerechten: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über mein Gewand das Los geworfen.“

Jesus dürstet. Und es dürstet ihn wirklich. Seine Henker halten ihm einen Schwamm mit Essigwasser hin. In Psalm 69 (V22) lesen wir: „Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst!“ Das Leiden Jesu wird nur knapp benannt. Was Johannes wichtiger ist: Hier führt ein Größerer Regie. Hier hat ein anderer das Zepter in der Hand. Er hat es so kommen lassen, dass Pilatus unfreiwillig bekennt, wer hier leidet, wer sich hier selbst opfert. „Jesus von Nazareth, der Juden König“

Bei Johannes stirbt Jesus einen Tag früher als in den anderen Evangelien. Johannes berichtet kein letztes Passahmahl mit den Jüngern. Er will die Parallelität zeigen, die Verbindung von Passah und Golgatha. Johannes stirbt Jesus in der Stunde, in der die Passahlämmer für das Fest geschlachtet werden. „Siehe, das ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt!“ Das hat drei Jahre vorher Johannes der Täufer über Jesus gesagt. (Jo 1,29)

Das Blut Jesu macht uns rein von aller Sünde!“ schreibt Johannes in einem seiner Briefe (1.Joh 1,7). Das Passahlamm erinnert an die Gnade Gottes und die Befreiung des Volkes Gottes aus Ägypten. Jesus ist das wahre Lamm Gottes, die Gnade Gottes und die Befreiung aus einem Leben unter der Macht der Sünde.

Beide Wesensmerkmale Gottes werden am Kreuz deutlich: Erstens: Gott ist heilig. Gott ist das reine Licht. Es kann kein Dunkel, keine Ungerechtigkeit, keine Lieblosigkeit, niemand, der einem anderen Herrn dient, zu Gott kommen. Das geht von Gottes Wesen her nicht. ... So wie jedes Dunkel im Licht sofort vergeht. Zweitens: Gott ist die Liebe. Das ist sein zweites Wesensmerkmal. Das kann er nicht lassen oder nicht sein, ebenso wenig wie er es lassen kann, heilig zu sein. In seiner Liebe aber möchte Gott alle Menschen bei sich haben. Er liebt jeden und kann es nicht lassen.

So verdreht, kaputt, egoistisch, falsch ein Menschen auch nur sein kann. Gott liebt ihn. Gott sehnt sich nach ihm. Gott wartet auf ihn. Gott möchte, dass jeder ewig bei ihm leben kann, und nicht im Dunkeln. Niemand kann dem heiligen Gott nahen. Sünde, alles Verhalten, das Gott nicht entspricht, zieht unweigerlich Gericht nach sich! Es ist unsere Rettung, die Jesus am Kreuz vollbracht hat. Gott hat die Sache mit sich selbst ausgemacht. Er hat für uns gelitten. Er ist der Richter und macht sich selbst zum Angeklagten. Er trägt das Urteil und die Strafe. „Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden haben!“ Das hat schon Jesaja gesagt. 500 Jahre vor Jesu Geburt sah er in einer Prophetie einen Knecht Gottes, der für die Vielen leidet (Jesaja 53).

„So sehr“ schreibt Johannes im 3. Kapitel seins Evangeliums, „so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das Ewige Leben haben!“ (Joh 3,16)

7. Es ist vollbracht

Das ist das letzte Wort Jesu. In seiner Muttersprache, Aramäisch, ist es nur ein Wort. „Es ist vollbracht“ heißt nicht nur „Es ist zu Ende“ oder „Ich habe es geschafft“. Das sind nicht nur die letzten Worte ein es Sterbenden, der endlich seine Leiden hinter sich hat. Auch wenn es das sicherlich auch ist und Jesus froh sein kann, seiner Leiden hinter sich zu haben. Es ist vollbracht. Im Griechischen kommt das Wort Ziel darin vor. Gott ist an seinem Ziel. Gottes Ziel ist erreicht. Warum Jesus auf dieser Erde war, das ist jetzt vollkommen. Das ist wie bei einem Navi: „Sie haben ihr Ziel erreicht.“

Es ist vollbracht, das heißt, das Gericht hat stattgefunden. Das war Gottes Plan. Er wollte einen Ort schaffen, wo seine Liebe gewonnen hat, wo seine Heiligkeit ihr Recht schon bekommen hat, einen Ort, wo es kein Gericht mehr gibt. Keine Verurteilung. Keine Verdammung.

Wenn man sich Gottes Gericht wie ein großes Feuer vorstellt, ein Flächenbrand, der alles verzehrt, was nicht zu Gott passt, dann ist das Kreuz der Ort, wo das Feuer schon gebrannt hat. Da findet das Feuer nichts mehr, was brennt. Jesus, der Gekreuzigte und Auferweckte, Er ist der Ort, die Person an der das Gericht Gottes schon geschehen ist. Wer an ihn glaubt, wer zu ihm flieht, wer mit ihm verbunden ist, der ist schon gerichtet.

Die Taufe ist nicht die Sache selbst, aber die Teufe ist das Zeichen: In der Taufe stirbt der alte Mensch mit Jesus, schreibt Paulus (Römer 6). In der Taufe bekommen Menschen Anteil an seiner Auferstehung. Ein Mensch für die Ewigkeit ist geboren.

Es ist vollbracht. Unser Heil ist vollständig fertig. Das feiern wir Karfreitag. In England heißt dieser Tag auch „Good Friday“, guter Freitag. Wir denken an Jesu Leiden. Aber wir tun es froh und dankbar. Denn es ist vollbracht: Unser Heil ist fertiggestellt.
           

Amen.



Ich habe u.a. profitiert bei der Predigt der Greifbar-Gemeinde in Greifswald vom 10. April 2009 zu Joh 19,26-30.

 
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