Römer 7, 14-25 Ich tue, was ich hasse.

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Möncheberg

Predigt Pastor Norbert Giebel   5.5.2019

Römer 7, 14-25            Ich tue was ich hasse.


Liebe Gemeinde,

auf dem (sonntäglich ausgeteilten) Sonntagsbrief findet ihr den Predigttext in der Lutherübersetzung. Ich habe es bewusst so gelassen, lese ihn aber in einer neueren Übersetzung, der Hoffnung-für-alle-Übersetzung. Die Lutherübersetzung nutzt die im griechischen Text verwendeten Begriffe wörtlich. Die „Hoffnung für alle“ überträgt den Text in die heutige Sprache. Wenn sie mögen, lesen sie gerne parallel den Luthertext mit.

14 Das Gesetz ist von Gottes Geist bestimmt. Das wissen wir. Ich aber bin nur ein Mensch und der Herrschaft der Sünde ausgeliefert. 15 Ich verstehe ja selbst nicht, was ich tue. Das Gute, das ich mir vornehme, tue ich nicht; aber was ich verabscheue, das tue ich. 16 Bin ich mir aber bewusst, dass ich falsch handle, dann stimme ich Gottes Gesetz zu und erkenne an, dass es gut ist. 17 Das aber bedeutet: Nicht ich selbst tue das Böse, sondern die Sünde, die in mir wohnt, treibt mich dazu.

18 Ich weiß wohl, dass in mir nichts Gutes wohnt. Zwar habe ich durchaus den Wunsch, das Gute zu tun, aber es fehlt mir die Kraft dazu. 19 Ich will eigentlich Gutes tun und tue doch das Schlechte; ich verabscheue das Böse, aber ich tue es dennoch. 20 Wenn ich also immer wieder gegen meine Absicht handle, dann ist klar: Nicht ich selbst bin es, der über mich bestimmt, sondern die in mir wohnende Sünde. 21 Ich mache also ständig dieselbe Erfahrung: Das Gute will ich tun, aber ich tue unausweichlich das Böse.

22 Ich stimme Gottes Gesetz aus tiefster Überzeugung und mit Freude zu. 23 Dennoch handle ich nach einem anderen Gesetz, das in mir wohnt. Dieses Gesetz kämpft gegen das, was ich innerlich als richtig erkannt habe, und macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das mein Handeln bestimmt. 24 Ich unglückseliger Mensch! Wer wird mich jemals aus dieser tödlichen Gefangenschaft befreien? 25 Gott sei Dank! Durch unseren Herrn Jesus Christus bin ich bereits befreit. So befinde ich mich in einem Zwiespalt: Mit meinem Denken und Sehnen folge ich zwar dem Gesetz Gottes, mit meinen Taten aber dem Gesetz der Sünde.

Das ist bedrückend, mit einer negativen Diagnose leben zu müssen. Man hat sich untersuchen lassen und das Ergebnis wird das ganze Leben überschatten. Eine schlimme Aussage über sich selbst zu hören und damit leben zu müssen! – So eine Diagnose liegt uns in Römer 7 vor. Paulus hat sie geschrieben. Diagnosen von Fachleuten sind oft nicht leicht zu verstehen, aber die Botschaft ist klar:

Hier ist ein Mensch, der in sich gefangen ist. Er weiß was gut ist, er will das Richtige tun, aber schafft es nicht. Immer wieder nicht! Sein Kopf ist klar, aber sein Herz und seine Hände ziehen ihn ständig woanders hin. – Nicht nur, dass er nicht das Richtige tut, er tut Böses, er handelt gegen seine eigene Überzeugung, er tut Dinge, die ihm und anderen schaden. Und die Gott überhaupt nicht ehren.

Dieser Mensch erkennt das Gute, aber er hat einen Zwang in sich, genau entgegengesetzt zu handeln. Und das wird er nicht los! Das wird so bleiben. Damit muss er leben. Und wenn es ihn zerreißt! Das ist die Diagnose! Wie lebt man damit?

Von wem redet Paulus? Wer ist dieser Mensch? Er redet von sich selbst. Er schreibt in Ich-Form. Das ist sein Erleben mit sich selbst. Das zerreißt ihn. Aber dieser Ich-Stil ist auch exemplarisch gemeint. Paulus redet nicht nur von sich. Er hat sicher auch andere Juden, Weggefährten von früher vor Augen. Und zwar gerade die, die es ernst meinen mit dem Gesetz, mit Gottes Geboten. Sie erleben diesen Kampf, wie Paulus ihn erlebt hat, dass sie Gutes tun wollen, in sich selbst aber eine Kraft vorfinden, die sie Dummes, Schlechtes, Falsches tun lässt.

Alle Menschen kennen, was Paulus meint. Gute Vorsätze, die man nicht einhält. Vernünftige Erkenntnisse, dass man sich mehr bewegen sollte, anders ernähren, mit jemandem reden, anders Autofahren, aber man tut es nicht. Jeder Mensch kennt das: Keine Kraft oder keinen wirklichen Willen zum Guten zu haben! Immer wieder irgendetwas Blödes oder Böses zu tun. Paulus aber spricht besonders von sich selbst und von anderen Menschen, die glauben. Die Diagnose von Römer 7 ist auch unsere Diagnose. Es ist eine Aussage über den Menschen allgemein und auch über Christen.

Die Krankheit, die hier beschrieben wird, hat auch einen Namen: Die Bibel nennt sie Sünde. Sünde ist nicht einfach eine äußere Tat, die man auch lassen kann, wie Fingernägelkauen oder Schmatzen bei Essen. Die Sünde ist eine Macht. Eine Macht in uns. Wir „tun nicht nur Sünden“, wir sind Sünder. Die Sünde ist wie ein Fehlprogramm, ein Virus, der in uns installiert ist, den man nicht einfach löschen oder dauerhaft reparieren kann. Es ist in unserer Natur. Wie ein inneres Gesetz, dem man immer wieder folgen muss. Dieses Gesetz in uns nennt Paulus unser Fleisch. In der Lutherübersetzung steht es noch wörtlich: „Gottes Gesetz ist geistlich, ich aber bin fleischlich unter die Sünde verkauft.“ (V14)

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“ hat Jesus seine Jünger gewarnt (Matth. 26,41). „Darum seid wach, dass ihr nicht in Versuchung fallt: Euer Geist ist willig, aber euer Fleisch ist schwach.“ – Mit Fleisch meinen Jesus und Paulus nicht den Körper des Menschen. Fleisch meint den natürlichen Menschen ohne Gott. Fleisch, das ist der unerlöste, seinen Trieben, Bedürfnissen und Gefühlen ausgesetzte Mensch.

Das Fleisch reagiert. Und es kann nicht anders. Ich werde ohne Kontrolle wütend, beleidigt, gierig, begehrend. Das Fleisch will haben, immer mehr, möglichst sofort. Fleisch hat ständig Hunger nach Genuss, nach Lust, schneller Befriedigung, nach Bequemlichkeit. Es ist total ichbezogen. Das Fleisch wird müde, lahm, lustlos, das Gute zu tun. Fleisch ist der unkontrollierte Instinkt des Menschen. Das also ist der ideale Nährboden für die Sünde.

Bei Süchten kann man gut sehen, wie die Sünde arbeitet. Sie macht abhängig. Sie lässt Menschen Dinge tun, die ihnen und anderen schaden. Tabletten, Alkoholische Getränke, gutes Essen, Sex, Spiele, Sport, das ist alles nicht an sich schlecht! Aber die Sünde schafft es, Menschen davon abhängig zu machen, sie zu einem Missbrauch zu verleiten, aus dem sie nicht mehr herausfinden. Bei Süchten wird es besonders deutlich, aber das gilt allgemein für die Sünde: Sie bindet uns. Sie will unser Ich gefangen nehmen. Die Sünde ist wie ein Strudel im Wasser, ein Sog nach unten. – „So ein Mist! Was habe ich da schon wieder gemacht!“ Haben Sie das auch schon mal gesagt?

Vor mehr als 30 Jahren las ich ein Buch eines amerikanischen Seelsorgers über sexuelle Irrwege und Süchte. (John White: Eros, Segen oder Fluch?) Darin schreibt er von einem Spanner, der Christ war und zu ihm in die Seelsorge gekommen ist. Ein Spanner ist jemand, der versucht, heimlich Frauen anzusehen, z.B. durch erleuchtete Fenster. Dieser Christ litt sehr darunter, schämte sich, wurde immer wieder rückfällig, wurde einmal entdeckt und von einem Mann verprügelt, bekam eine Anzeige, musste Bußgeld zahlen. Und dennoch wurde er wieder rückfällig. – Ein schlimmes Beispiel von Gefangenheit. Aber Angehörige von Drogen- oder Alkoholkranken können Ähnliches erzählen.

„Ich tue, was ich hasse!“ „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Dank sei Gott durch Jesus Christus unseren Herrn!“ schreibt Paulus (V25 Luther). – Das ist der Weg in die Freiheit: Ehrliche Selbsterkenntnis, eine klare Diagnose, und dann der Weg zum Facharzt, das ist Jesus Christus. Er hat die Sünde besiegt. Darum hat Gott ihn gesandt. (vgl. Röm 8, 3)

Jesus ist nicht nur gekommen, um unsere Sünden zu vergeben. Er ist nicht nur gekommen zu unserer Rechtfertigung. Der Schweizer Reformator Johannes Calvin hat das sehr betont.
Seinen Lieblings-Vers der Bibel finden wir 1. Korinther 1,30: Durch Gottes Handeln seid ihr in Jesus Christus: „der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung!“

In dem Kampf mit der Sünde ist es das Allererste und Wichtigste zu Jesus zu gehen und Vergebung zu empfangen. Jesus ist nichts fremd. Er liebt uns, er nimmt uns an, er wendet sich nicht ab, er schüttelt nicht den Kopf. Er liebt uns und vergibt uns. Immer wieder zu ihm zu gehen, zu beten, sich mit Gott versöhnen zu lassen, das ist die Basis für jede Erneuerung. Wer aber nur Vergebung bei Jesus sucht, der sucht und findet nur die Hälfte dessen, was zum Evangelium gehört, was Gott und in Jesus geschenkt hat.

Wir sind durch Gottes Tat am Kreuz und in der Taufe in ihm und er ist uns nicht nur zur Gerechtigkeit gemacht, sondern auch zur Weisheit, zur Heiligung, zur Erlösung. Wir sollen durch Jesus weise werden, klug für das Leben, erkennen, worauf es wirklich ankommt. Wir sollen erleben, wie Jesus durch den Geist Gottes stärker in uns wird, wie wir ihm ähnlicher werden. Wir sollen in der Erlösung leben lernen, die er uns schon geschenkt hat.

Paulus nennt die andere Hälfte des Evangeliums „Heiligung“. Gott will uns durch Jesus zu einem neuen, heilen Leben helfen. Dazu hat er seinen Sohn gesandt und uns mit ihm verbunden. Dieser Kampf zwischen Fleisch und Geist wird nie aufhören, solange wir Menschen sind. Aber wir sind nicht wehrlos. Wir sind nicht nur Opfer, auch wenn wir uns in dieser Rolle vielleicht gefallen: „Sieh‘ mal. Ich kann gar nicht anders. Ich muss mich immer betrinken. Das ist die Sünde in mir. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“ – Und damit nimmt man Jesu Mahnung an seine Jünger noch als Ausrede.

Jesus aber hat gesagt: „Wachet, damit ihr nicht in Versuchung fallt. Denn der Geist ist willig aber das Fleisch ist schwach!“ Wir sind nicht wehrlos. Wir sollen wachen, wach mit unserer Schwäche umgehen. Die nächste Versuchung kommt bestimmt. Aber wir sollen sie bestehen! Darum geht es auch im Römerbrief:

Römer 6 geht es um die Taufe. In der Taufe geben wir den alten Menschen in den Tod.
In der Taufe wird ein neuer Menschen in uns geboren. Und Paulus fragt: „Sollen wir in der Sünde bleiben, damit Gottes Gnade nur noch stärker sichtbar wird? Nein! Unmöglich“ das sei ferne. Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wird doch gestorben sind!“ (Röm 6, 1f) Römer 7 finden wir diese schlimme Diagnose: Auch der neue Mensch erlebt, dass das Fleisch in ihm noch mächtig ist.

Römer 8 aber geht es um das Leben in der Kraft des Heiligen Geistes: „Das Gesetz des Geistes hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde!“ schreibt Paulus dort (8,2) „Tötet die Taten des Fleisches durch den Geist, dann werdet ihr leben!“ (V13) „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ (V14)

Den Christen in Philippi schreibt Paulus: „Arbeitet an euch selbst  mit Furcht und Zittern, damit ihr gerettet werdet! Ihr könnt es, denn Gott selbst bewirkt in euch nicht nur das Wollen, sondern auch das Vollbringen, so wie es ihm gefällt.“ (Phil 2,12-13, Gute-Nachricht-Übersetzung)

Den Galatern schreibt Paulus: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ (Gal 5,1) „Wenn wir im Geist leben, dann lasst uns auch im Geist wandeln!“ (5,25) „Lebt im Geist, so werdet ihr die Begierden des Fleisches nicht vollbringen!“ (5,16; Luther) In der Hoffnung für alle liest sich das so: „Lasst euer Leben von Gottes Geist bestimmen. Wenn er euch führt, werdet ihr allen selbstsüchtigen Wünschen widerstehen können.“

Schluss:

Die Diagnose von Paulus ist wichtig. Ich glaube, wenn wir das leugnen, dass wir noch Sünder sind und das Fleisch in uns noch Macht hat, dann gibt es keine Heiligung, kein Wachsen im Glauben, keine Freiheit. Was aber muss man tun, um mit dieser Diagnose zu leben und Freiheit zu erleben?                                                  

  1. Zu Jesus gehen

Immer wieder. Ihm ist nichts fremd. Er zuckt nicht zusammen. Egal, wie wir kommen. Egal, was wir erzählen. Er weiß doch schon lange alles. Er freut sich immer, dass wir kommen und er versöhnt uns mit sich. Seine bedingungslose Liebe ist der Anfang unserer Heilung.

  1. Sich jemand anvertrauen.

Ich glaube diesen Kampf zwischen Geist und Fleisch kann man nicht alleine gewinnen. Besonders nicht, wenn sich Abhängigkeiten entwickelt haben. Da muss man sich „outen“. Nicht vor vielen Menschen, aber mindestens vor einem, einem, in dem Christus wohnt, der selber um seine Sünde weiß und der selber von Gottes Gnade lebt.

Sich jemandem mit seiner dunkelsten, dümmsten, kranksten Seite zu öffnen, das ist nicht leicht. Wir alle wollen lieber an unseren Stärken erkannt werden. Und wir vergessen, dass der andere mit mir zusammen auf der gleichen Schulbank vor Jesus sitzt. Der alte, unerlöste Mensch in uns scheut das Licht. Dass die Sünde im Dunkeln, im Verborgenen wirken kann, das gibt ihr die Macht. Wer sich jemand anvertraut, hat schon die halbe Schlacht gewonnen. Das Dunkel in uns verliert einen großen Teil seiner Kraft.

  1. Beichten

Die Beichte kann eine große Hilfe sein. Martin Luther hat sehr regelmäßig gebeichtet. Was ist Beichte, evangelische Beichte? Man geht zusammen mit einem Bruder zu Gott. Einer spricht aus, wo er gesündigt hat. Gerade, was besonders schlimm ist, wo man besonders gebunden ist, was dunkel ist, gehört hier ausgesprochen. Und der Bruder oder die Schwester sprechen im Namen Jesu die Vergebung zu und beten (selber als Sünder) für den anderen (Sünder).

Beichte ist ein Spezialfall der Seelsorge. Wenn der eine gebeichtet hat und der andere die Vergebung zugesprochen und gebetet hat, ist die Beichte vorbei. Keine Ratschläge, keine weiteren Fragen, keine Therapieversuche. Bekennen, Vergebung empfangen, sich segnen lassen, Punkt. Auch keine Nachfragen in der Woche drauf oder später. Es sei denn, der Hilfesuchende wünscht sich ein weiteres Gespräch und wünscht sich Nachfragen. Ich selber habe Beichte als etwas sehr Kraftvolles, Befreiendes erlebt, obwohl es natürlich immer auch mit Scham und Demut zu tun hat. Das aber war es mir wert. Gott hat dadurch befreit.

  1. Um Freiheit beten und sie in Anspruch nehmen.

Vergebung empfangen, sich als Sünder einem anderen zu zeigen, ist das Eine. Wirklich Befreiung wollen ist noch etwas anderes. Für sich beten zu lassen, um frei zu werden. Und sich innerlich auf diesen Boden zu stellen: (vgl. 1. Kor 1,30:) Jesus ist mir gemacht zur Weisheit: Ich will nicht mehr so töricht leben. Jesus ist mir gemacht zur Heiligung und zur Erlösung: Das will ich jetzt annehmen und erleben.

Im geistlichen Kampf, bei der Heiligung, gibt es Bereiche, da muss man in kleinen Schritten vorangehen. Zu große Ziele entmutigen dann nur. Wer eine Esssucht hat, kann er nicht sagen, er isst nicht mehr. Vielleicht aber ist es ein Ziel für ihn, nicht mehr beim Fernsehen zu essen, nicht mehr zwischendurch zu essen, nicht mehr nach 20 Uhr zu essen. Jemand, der sich bisher keine Zeit zum Beten genommen hat, wird es nicht gleich eine Stunde am Tag schaffen, aber vielleicht jeden Morgen und Abend 5 Minuten.

Aber alles, was einen Suchtcharakter angenommen hat, braucht einen klaren Schnitt. Jeder, der von z.B. Alkohol, Pornographie oder Tabletten abhängig ist, belügt sich selbst, belügt sich immer wieder selbst, wenn er meint, seinen Konsum langsam beschränken zu können. Das braucht einen klaren Schnitt.

  1. Hilfsangebote annehmen

In einer Gemeinde in Berlin, wo ich früher Pastor war, gab es Selbsthilfegruppen, für Alkoholiker, für Overeater, für Co-Abhängige. Angefangen hatte das vor vielen Jahren mit Gemeindemitgliedern, die alkoholabhängig waren, die dazu gestanden haben und die erste Gruppe aufgemacht haben. Selbsthilfegruppen aufsuchen, zu einem Arzt zu gehen, eine Therapie anfangen, warum tun sich so viele damit schwer? Müssten nicht gerade Christen, die wissen, dass sie Sünder sind aber geliebt sind, viel selbstverständlicher Hilfe suchen können?

  1. Mit Jesus rechnen

Das steht über allem. Ob ich bete, meine Sünden bekenne, mich jemand anvertraue. Ich will wieder neu mit der Kraft Jesu rechnen. „Lebt ihm Geist und ihr werdet die Taten des Fleisches töten!“ Der Heilige Geist ist wie eine starke Strömung. Der Heilige Geist ist kein stehendes Gewässer, kein warmes Badewasser. Der Heilige Geist hat Kraft, er will uns treiben, er treibt uns zum Vater, er macht Christus in uns stark. Er ist ein Sog nach oben.

(Ein Bild von zwei fröhlich aussehenden Schwimmern in einem Fluss wird präsentiert.)
Die Diagnose von Paulus ist wichtig. Wir alle bieten der Sünde durch das Alte in uns beste Angriffsmöglichkeiten. Aber wir sind gerettet, geliebt, wir können fröhlich leben. Wir schwimmen durch unser Leben. Aber die Strömungsverhältnisse haben sich geändert!
Wir dürfen erleben, wie Gottes Geist uns über Wasser hält, mehr noch, wie er uns treibt. Manchmal müssen wir kämpfen, weil es auch andere Strömungen gibt. Dann müssen wir bewusst zu Jesus gehen, in seine Strömung schwimmen, dann treibt er uns weiter.

Diese beiden schwimmen gerne. Sie machen gerade eine Pause. Sie sind gerade im Gottesdienst. Aber sie freuen sich schon auf das nächste Stück Fluss, das sie mit Gott erleben werden.

Amen.


Profitiert habe ich u.a. von den Predigten zum selben Text von Jörg Zimmermann (www.kottenforstgemeinde.de) und Bernhard Kaiser (Institut für Reformatorische Theologie).

Weitere Gedanken:

Der Mensch ist nicht willenlos, aber kraftlos. Da ist sein Problem. Das Gesetz ist gut. Das eigene Gewissen, Predigten, der Verstand geben die richtigen Impulse. Aber sie haben keine Kraft. Das ist das Problem. An die Epheser schreibt Paulus, wir haben nicht nur mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächten und Gewalten. Gottes Kraft brauchen wir im geistlichen Kampf.

Gott antwortet auf unsere Not und Sünde nicht mit neuem Gesetz oder mit neuen Geboten. Gott sendet seinen Sohn. Gott stellt sich in unser Leiden. Er leidet mit. Er verurteilt nicht. Er trägt unsere Schuld. Er nimmt uns alle Angst vor einer Verdammung (vgl. Röm 8,1-2) Seine bedingungslose Liebe, die er uns in Jesus schenkt, und seine Kraft, die er uns in seinem Geist schenkt, sind seine Lösung.

Der Sieg ist schon errungen. Die eigentliche Schlacht ist vorbei. Die Feinde sehen es aber noch nicht ein.

Der Heilige Geist arbeitet immer mit uns zusammen. Jesus hat alles für uns getan. Sein Geist macht so gut wie alles mit uns. Er macht uns aktiv. Wir können die Hände nicht in den Schoß, legen und erwarten, dass der Heilige Geist nun alles für uns tut. Er wird es mit uns tun. In kleinen oder großen Schritten. Wir sind es, die durch seine Kraft die Taten des Fleisches töten.

Die Freiheit in Römer 8 ist eine Freiheit von etwas, das Gott nicht will, und für etwas, das Gott will.

Der Heilige Geist ist kein ruhiges Wasser, kein warmes Badewasser. Er ist eine starke Strömung, ein Sog nach oben, er treibt uns an, er ist eine Kraft, in die wir uns stellen können. Wir schwimmen weiter durch unser Leben, aber Strömungsverhältnisse haben sich geändert.

1. Mose 8, 21b: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf

Matthäus 15, 19: Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung.

Jörg Zimmermann:
eine kleine Anekdote: gerade während ich in den vergangenen Tagen mit der Vorbereitung dieser Predigt beschäftigt war, erzählte mir eine junge Mutter von ihrem 3-jährigen Sohn, der etwas Verbotenes getan hatte, weshalb sie tüchtig mit ihm schimpfte. Darauf der Junge: „Mama, ich hab’ das eigentlich gar nicht selber getan! Das sitzt hier in mir drin, unter meiner Haut, und ich kann da gar nichts gegen machen!“ – So spricht ein Dreijähriger!! Wie perplex die Mutter war, können Sie sich vorstellen! Der Junge bemühte sich dann noch, den genauen Sitz des Bösen in der Gegend um seine Speiseröhre herum zu lokalisieren, was das Erstaunen der Mutter dann doch eher in Amusement umschlagen ließ... Sei’s drum: ich finde es sagenhaft, wie da ein Kleinkind bereits etwas verspürt von dem, was Paulus „das Gesetz in meinen Gliedern“ nennt! Wobei zugleich deutlich wird, wie praktisch dieser Gedanke ist, weil man die Verantwortung für das eigene Tun und Lassen damit ja so wunderbar leicht an dieses Etwas in der Gegend der Speiseröhre abgeben kann! :)

 
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