Lukas 7, 36-50 Nähe und Distanz

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Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) Kassel-Mönchebergstraße

Pastor Norbert Giebel 26.05.2019

Lukas 7, 36-50 Nähe und Distanz

Liebe Gäste im Mittendrin-Gottesdienst,

Bin ich ein Nähemensch oder bin ich eher ein Distanzmensch?

Ich mag es, wenn meine Frau mir nahekommt. Und ich mag es, wenn mein Chef oder mein Nachbar, ist ja egal, also wenn er mir nicht so nahe kommt. Umgekehrt wird es ganz schwierig: Wenn meine Frau auf Distanz geht und mein Chef ständig meine Nähe sucht. Noch schlimmer ist es wenn mein Chef meiner Frau zu nahekommt oder umgekehrt...

Nähe und Distanz ist ein Thema, das alle Menschen betrifft. Sobald man mit anderen Menschen agiert. Wie lange sieht man sich an? Gibt man sich die Hand? Und wann lässt man sie wieder los? Sagt man Du oder Sie zueinander? Wie nahe darf man sich kommen?

Nähe und Distanz. Überall spielt es eine Rolle. Im Restaurant z.B. dürfen die Tische nicht zu nahe stehen. Mindestens einen Meter auseinander. Und schon gar nicht setzt man sich in einem leeren Restaurant an den einen Tisch, an dem schon jemand sitzt. Das Meiste machen wir ganz automatisch richtig. Ohne es bewusst gelernt zu haben. In einem Fahrstuhl, in dem schon jemand steht, stellt man sich nicht direkt neben diese Person oder sogar ihr gegenüber und sieht sie an. Das ist zu nahe.

Das klassische Bereich in dem Nähe und Distanz eine Rolle spielen, ist die Partnerschaft: Sie will ständig reden, braucht den Austausch, er macht alles mit sich selber ab. Oder sie zieht sich zurück, braucht Zeit für sich, braucht kein Kuscheln und kein Reden. Er fragt sich was los ist, fühlt sich abgelehnt. Sie hat ihre Hobbies und Freunde, er möchte sie am liebsten immer um sich haben. Oder umgekehrt. Sie denkt, wir sind ganz eins. Er sagt, es hat auch noch jeder sein eigenes Leben.

Nähe und Distanz ist auch ein Thema für eine Gemeinde. Hier treffen wir ja ständig auf Menschen. Wie geht man auf Gäste oder Neue in der Gemeinde zu? Das ist ein Kunststück, Interesse zu zeigen, vielleicht Nähe anzubieten, und doch Distanz zu wahren, auf keinen Fall aufdringlich zu sein. Freikirchen sind eher Nähekirchen. Gemeinschaft spielt eine große Rolle. Ich übertreibe einmal ganz wenig: Bei deinem ersten Besuch wirst du angesprochen. Bei deinem zweiten Besuch wirst du geduzt. Bei deinem dritten Besuch umarmt. Beim vierten Besuch fragt jemand nach deiner Handynummer... Fühlen sich auch Menschen bei uns wohl, die viel Distanz brauchen?

Auch wer zur Gemeinde gehört und gegen niemand etwas hat braucht vielleicht mal Distanz, wenn es ihm schlecht geht vielleicht. Manche bleiben weg, weil sie nicht angesprochen werden wollen. Umgekehrt gibt es Menschen, die sich Nähe wünschen, reden wollen, erzählen wollen, andere persönlich kennenlernen wollen, einsame Menschen vielleicht.

Die Frage ist für Partnerschaften wichtig aber auch z.B. in der Gemeinde: Schaffen wir es, dem anderen die Nähe oder die Distanz zu geben, die er braucht?

Ich will uns eine ganz besondere Geschichte von Jesus erzählen. Da gibt es zwei Hauptrollen. Eine Person, die noch viel Distanz zu Jesus braucht, und eine Person, die öffentlich alle Distanz zu ihm aufgibt. Im Judentum gab es sehr viele Nähe- und Distanz-Regeln. Viel mehr als bei uns: Eine Frau durfte einen Rabbi oder Gelehrten auf der Straße nicht ansprechen. Das schickte sich nicht. Männer und Frauen aßen nicht zusammen, sie saßen nicht an einem Tisch; es sei denn, sie gehörten zu einer Familie. Wenn Männer zusammen saßen, hatten Frauen da nichts zu suchen. Menschen mit offensichtlichen Behinderungen durften nicht in den Tempel. Sie galten als unrein. Sünder, stadtbekannte Sünder, oder z.B. Aussatzkranke durften nicht berührt werden. Da machte man sich unrein für jeden Gottesdienst.

Und jetzt lese ich uns diese Geschichte vor: Lukas 7, 36-50

36 Ein Pharisäer hatte Jesus zum Essen eingeladen. Jesus ging in sein Haus und legte sich zu Tisch. 37 In derselben Stadt lebte eine Frau, die als Prostituierte bekannt war. Als sie hörte, dass Jesus bei dem Pharisäer eingeladen war, kam sie mit einem Fläschchen voll kostbarem Salböl. 38 Weinend trat sie an das Fußende des Polsters, auf dem Jesus lag, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Mit ihren Haaren trocknete sie ihm die Füße ab, bedeckte sie mit Küssen und salbte sie mit dem Öl.
39 Als der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, das sah, sagte er sich: »Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, wüsste er, was für eine das ist, von der er sich da anfassen lässt! Er müsste wissen, dass sie eine Hure ist.«
40 Da sprach Jesus ihn an: »Simon, ich muss dir etwas sagen!« Simon sagte: »Lehrer*, bitte sprich!« 41 Jesus begann: »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher, der eine schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig. 42 Weil keiner von ihnen zahlen konnte, erließ er beiden ihre Schulden. Welcher von ihnen wird ihm wohl dankbarer sein?« 43 Simon antwortete: »Ich nehme an: der, der ihm mehr geschuldet hat.« »Du hast recht«, sagte Jesus.
44 Dann wies er auf die Frau und sagte zu Simon: »Sieh diese Frau an! Ich kam in dein Haus und du hast mir kein Wasser für die Füße gereicht; sie aber hat mir die Füße mit Tränen gewaschen und mit ihren Haaren abgetrocknet. 45 Du gabst mir keinen Kuss zur Begrüßung, sie aber hat nicht aufgehört, mir die Füße zu küssen, seit ich hier bin. 46 Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt, sie aber hat mit kostbarem Öl meine Füße gesalbt.
47 Darum sage ich dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben worden. Eben deshalb hat sie mir so viel Liebe erwiesen. Wem wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.«
48 Dann sagte Jesus zu der Frau: »Deine Schuld ist dir vergeben!« 49 Die anderen Gäste fragten einander: »Was ist das für ein Mensch, dass er sogar Sünden vergibt?« 50 Jesus aber sagte zu der Frau: »Dein Vertrauen hat dich gerettet. Geh in Frieden*!«

Jesus ist bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Pharisäer waren Menschen, die es mit den Heiligen Schriften, besonders mit dem Gesetz des Mose, sehr genau nahmen. Vielleicht die strengste jüdische Richtung damals. Alles sollte genau nach Gottes Gesetz geschehen.

Und solche Abendessen waren üblich. Man traf sich, um zu diskutieren. So ähnlich wie Geschäftsessen heute. Im Judentum hat man sich im privaten Bereich beim Essen zu religiösem Austausch getroffen. So war das auch hier. Simon, der Pharisäer, hatte Jesus und andere eingeladen. Vermutlich war Jesus die Hauptperson. Ihn wollte er kennenlernen und prüfen.

Vermutlich waren auch die anderen Männer Pharisäer, denn die Pharisäer haben nicht mit Männern gegessen, die nach ihrem Verständnis nicht rechtgläubig waren. Das hebräische Wort „pharas“ heißt „sich absondern!“ Pharisäer waren schon per Definition Distanzmenschen. Sie wollen besonders sein. Besonders fromm. Sie wollten sich absondern von allen, die dem Gesetz des Mose nicht mit ganzem Ernst folgten.

Okay. Jesus lässt sich also von Simon einladen. Er ist auch offen für Menschen, die Distanz brauchen. Und dann kommt diese Frau in den Raum. Eine stadtbekannte Sünderin. Niemand hätte sie auf der Straße gegrüßt. Niemand hätte ihr die Hand gegeben. Diese Frau verletzt alle Distanzregeln. Sie ist absolut übergriffig. Peinlich. Die Atmosphäre der gelehrten Männerrunde erstarrt. Sie betritt ein fremdes Haus. Sie geht in den Raum, wo die Männer essen und über religiöse Fragen diskutieren. Was geht sie das an? Von hinten nähert sie sich den Füßen Jesu. Man aß damals im Liegen! Sie zeigt Gefühle, fängt an zu schluchzen, zu weinen.

Sie gibt jeden Selbstschutz auf. Wer so nahe kommt, sich so öffnet, macht sich verletzlich. Angreifbar. Sie kommt ihm so nahe, dass ihre Tränen auf Jesu Füße fallen. Sie öffnet ihre Haare. Unmöglich in der Öffentlichkeit. Jede anständige Frau hatte ihr Haupt bedeckt. Man zeigte seine Haare nicht in der Öffentlichkeit. Ein Skandal jagt hier den nächsten. Sie trocknet Jesus Füße mit ihren Haaren. Sie küsst seine Füße. Immer wieder. Sie zerbricht ein kleines Fläschchen mit teurem Öl und salbt ihm die Füße damit.

Und Jesus lässt es sich gefallen! Das ist ja noch das Größte! „Wäre er ein Prophet, dann wüsste er, was das für eine Frau ist!“ denkt Simon. Das ist in seinen Augen die einzige Erklärung: Er weiß nicht, was das für eine ist, was die auf dem Kerbholz hat. Wie kaputt diese Frau ist. Niemand würde so jemand an sich heran lassen. Und Jesus lässt sie doch an sich heran. Ganz nahe. Er macht sich unrein damit! „Wenn er zu dieser Frau nicht auf Distanz geht, dann kann er nicht zu uns gehören!“ Eisige Stimmung unter den Männern. Größte Distanz zu Jesus.

Da spricht Jesus Simon an, den Gastgeber. „Ich will dich etwas fragen: Zwei Männer hatten Schulden bei einem Dritten. Der eine 500 Silberstücke, der andere 50. Weil beide es nicht zahlen können, erlässt er beiden ihre Schulden. Wer von beiden ist ihm dankbarer?“ „Vermutlich der, dem er mehr erlassen hat.“ „Richtig“, sagt Jesus.

Jesus wusste von Anfang an, wer diese Frau ist. Aber es spielte keine Rolle für ihn. Jesus sieht nicht darauf, wie viel einer falsch gemacht hat, wie groß seine Sünden sind, wie sehr er am Leben gescheitert ist. Jesus sieht den Menschen, der ihn braucht. Jesus sieht den Menschen, der zu Gott kommen will. Jesus vergibt. Jesus lässt es zu, dass JEDER ihm ganz nahe kommt, wer es will. Wem viel vergeben ist, der liebt auch mehr. Wer viel empfangen hat, der will auch mehr geben.

Und dann wird die Distanz noch einmal deutlich, in der Simon Jesus begegnet ist: Ein Glas Wasser hat er vielleicht bekommen. Alles andere wäre ein Affront gewesen. Die kleinste Höflichkeitsform hatte Simon sicher eingehalten. Aber es gehörte auch dazu, dass ein Gast Wasser für die Füße bekam. Mehr noch: Es war üblich, dass ein Sklave einem Gast die Füße gewaschen hat. Straßen und Wege waren staubig. Jeder, der unterwegs war, hatte schmutzige Füße.

„Sieh dir diese Frau an. Du hast mir kein Wasser für die Füße gegeben. Sie wäscht sie mit ihren Tränen. Du hast mir keinen Kuss gegeben. (Auch das war eine sonst übliche Begrüßung.) Sie küsst mit sogar die Füße. Du hast meinen Kopf nicht mit Öl gesalbt, sie hat meine Füße gesalbt.

Die Frau weiß am allerbesten, wer sie ist, wie schuldig sie ist, wie verfahren ihr Leben ist. Das treibt sie zu Jesus. Die Freude über seine Gnade und die Sehnsucht nach Vergebung. Egal, was die anderen denken. Egal, wie peinlich andere sie jetzt finden: Sie will zu Jesus. Sie will ihm nahe kommen. Sie will ihm ihre ganze Liebe und Sehnsucht zeigen. „Deine Sünden sind dir vergeben!“ sagt Jesus zu ihr. „Dein Vertrauen zu mir, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden!“

Während diese Männer Jesu noch prüften, hatte sie ihn schon erkannt. Während Simon noch auf dem hohen Ross saß und dachte, er könnte Jesus beurteilen, ist die Frau schon zu ihm gekommen, ist auf die Knie gegangen und hat ihm ihre ganze Dankbarkeit gezeigt.

Wie hält Jesus es mit Nähe und Distanz? Wie hält Gott es mit Nähe und Distanz?

Jesus achtet es, wenn Menschen noch Distanz brauchen. Er lässt sich einladen, kommt ihnen nahe, lässt sich prüfen. Und Jesus lässt es zu, wenn jemand seine Nähe braucht. Zachäus war auch so einer, der Jesus aus der Distanz sehen wollte. Zachäus war ein Zöllner und er war auf einen Baum geklettert, um Jesus von dort zu sehen. Und Jesus sagte „Komme herunter. Ich will heute in dein Haus einkehren!“ Und Zachäus hat es angenommen! Er hat Jesus in sein Haus gelassen. Und das hat sein Leben verändert.

Gott ist uns Menschen in Jesus ganz nahe gekommen. Näher kann man nicht kommen: Er ist geworden wie wir! Jesus ist die Brücke zu Gott, die Gott für uns gebaut hat. Jesus ist die ausgestreckte Hand Gottes. Aber Gott nimmt nicht unsere Hand gegen unseren Willen. Er greift nicht zu und hält uns fest und zieht uns zu sich gegen unseren Willen. Er möchte eine Antwort des Vertrauens haben. Gott zieht seine Hand nie zurück, aber wir müssen sie nehmen. Egal, was andere denken. Egal, ob andere das peinlich finden.

Jesus, der Auferstandene, er ist hier durch seinen Heiligen Geist. Er ist hier, mitten unter uns. Und er spricht noch heute Menschen an durch seinen Geist. Menschen spüren es, wenn sein Wort ihnen ins Herz trifft. Und jede und jeder darf zu ihm kommen.

Amen.

 
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